UKRAINE AKTUELL Nr. 735 (28.2.24/21Uhr)

  • Navalny wird am Freitag beerdigt
  • Rede von Yulia Navalnaya
  • Neue ukrainische Kampftaktik
  • Israels Richtungswechsel

NAVALNY BEERDIGUNG AM 1.MÄRZ

Die Beerdigung von Alexej Navalny findet am 1. März um 14.00 Uhr in der Kirche der Ikone der Gottesmutter «Lösche meine Schmerzen» in Maryino in Moskau statt. Die Beerdigung findet auf dem Friedhof von Borisovskoye, im Süden von Russland im Bezirk Altai statt.

Diese Angaben macht Kira Yarmish, Mediensprecherin der Navalny Stiftung. https://twitter.com/Kira_Yarmysh/status/1762770130981818440

Ivan Zhdanov, Direktor der Navalny Anti-Korruptionsstiftung schrieb über die Schwierigkeiten, eine würdige Beerdigung zu organisieren. Zuerst habe man versucht, dies für den 29.Februar zu organisieren, habe dann aber die Pläne ändern müssen: «Die Teufel sind wieder unterwegs und schikanieren Alexej, auch wenn er weg ist. Die Botschaft ist uns egal. Alexej muss begraben werden. Wir haben uns auf die Suche nach einer Kirche und einem Saal für den 1. März gemacht. Überall weigerte man sich, uns etwas zu geben. Irgendwo sagte man uns, es sei verboten. Aber wir fanden doch noch einen grossen, normalen Saal, allerdings in Novokosino. Doch die Teufel kommen nicht zur Ruhe. Der Abschluss des Vertrages für die Halle kam nicht zustande. Im Allgemeinen wird es keine Halle geben. Bastarde. Sie werden das Datum nicht nennen. Sie werden den Saal nicht geben. Alle werden sich trotzdem von Alexej verabschieden. Für weitere Informationen siehe auf Twitter @Kira_Yarmysh.» https://twitter.com/ioannZH/status/1762771767024636338

Yulia Navalnaya, die Ehefrau von Alexej, schrieb am Abend: «Zwei Menschen – Wladimir Putin und Sergej Sobjanin (Bürgermeister von Moskau) – sind schuld daran, dass wir keinen Platz für eine zivile Gedenkfeier und einen zivilen Abschied von Alexej haben. Die Leute im Kreml haben ihn umgebracht, dann Alexejs Leiche verhöhnt, dann seine Mutter verhöhnt, jetzt verhöhnen sie sein Andenken. Wir wollen keine Sonderbehandlung für irgendjemanden – wir wollen den Menschen nur die Chance geben, sich auf normale Weise von Alexej zu verabschieden. Gehen Sie uns einfach aus dem Weg, bitte.» https://twitter.com/yulia_navalnaya/status/1762871881084928510

REDE VON NAVALNAYA IN STRASSBURG

Yulia Navalnaya sprach vor dem europäischen Parlament in Strassburg. Hier der vollständige Text:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren. Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, heute hier zu sprechen. Nachdem Putin zum ersten Mal versucht hatte, Alexej zu töten, lebten wir mehrere Monate lang in Süddeutschland. Alexej erholte sich von der Vergiftung – er lernte buchstäblich wieder zu laufen und zu schreiben. Wir gingen viel zu Fuss und unternahmen manchmal kurze Ausflüge. Auf einem dieser Ausflüge fuhren wir als Familie nach Strassburg. Sowohl für mich als auch für Alexej ist es eine unserer Lieblingsstädte, wir waren schon mehrmals zusammen hier, und vor drei Jahren beschlossen wir, sie unseren Kindern zu zeigen.

Jetzt ist mein Mann tot. Und ich bin wieder in Strassburg, nur spaziere ich nicht mehr mit meiner Familie durch die Stadt. Ich stehe auf dieser hohen Tribüne und wende mich an Sie, und in Ihrer Person an ganz Europa.

Ich dachte, dass ich in den 12 Tagen seit Alexejs Tod viel Zeit haben würde, um mich auf diesen Auftritt vorzubereiten. Aber zuerst haben wir eine Woche damit verbracht, Alexejs Leiche zu besorgen und eine Beerdigung zu organisieren. Dann habe ich den Friedhof und den Sarg ausgesucht. Die Beerdigung soll morgen stattfinden, und ich bin mir noch nicht sicher, ob sie friedlich verlaufen wird oder ob die Polizei diejenigen festnehmen wird, die gekommen sind, um sich von Alexej zu verabschieden.

Dennoch stehe ich jetzt hier, weil Ihre Wähler eine wichtige Frage haben. Sie stellen sie an Sie und Sie stellen sie an mich. Diese Frage lautet: «Wie kann ich Ihnen in Ihrem Kampf helfen?».

Am vergangenen Samstag ist es zwei Jahre her, dass Putin einen umfassenden Krieg gegen die Ukraine begonnen hat. Ein heimtückischer, abscheulicher Krieg. Die ganze Welt eilte der Ukraine zu Hilfe. Aber zwei Jahre sind vergangen, viel Müdigkeit, viel Blut, viel Enttäuschung, und Putin ist nirgendwo hingegangen. Alle Mittel sind eingesetzt worden: Waffen, Geld, Sanktionen…. Nichts hat funktioniert. Und das Schlimmste ist passiert: Alle haben sich an den Krieg gewöhnt. Hier und da begann man zu sagen: «Na ja, wir müssen sowieso mit ihm verhandeln…»

Und dann hat Putin meinen Mann, Alexej Navalny, umgebracht. Auf seinen Befehl hin wurde Alexej drei Jahre lang gefoltert: in einem Steinsack verhungert, Stück für Stück von der Aussenwelt abgeschnitten, keine Besuche, keine Anrufe, nicht einmal Briefe. Und dann haben sie ihn getötet. Misshandelten seinen Körper, misshandelten seine Mutter.

Und ich kann einerseits verstehen, wie schockiert alle waren. Der öffentliche Mord hat allen wieder einmal vor Augen geführt, dass Putin zu allem fähig ist und man mit ihm nicht verhandeln kann. Aber auf der anderen Seite sehe ich eine grosse Verwirrung. Viele Menschen haben das Gefühl, dass Putin überhaupt nicht zu besiegen ist. Und in ihrer Verzweiflung fragen sie mich jetzt: Wie kann ich Ihnen helfen? Und ich denke: Wie würde Alexej diese Frage beantworten? Ich werde versuchen, sie zu beantworten, aber dazu muss ich Ihnen ein wenig darüber erzählen, wie er war.

Alexej war ein Erfinder. Er hatte immer neue Ansätze für alles, aber vor allem für die Politik.

Anfang Juni finden bei Ihnen Wahlen statt. Viele von Ihnen werden einen Wahlkampf führen – sich mit Wählern treffen, Interviews geben, Werbespots drehen. Nun stellen Sie sich vor, dass all dies unmöglich ist. Kein Fernsehsender nimmt Interviews an. Ein Werbespot kann für kein Geld geschaltet werden. Alle Wähler, die zu dem Treffen gekommen sind, werden zusammen mit dem Kandidaten verhaftet.

Willkommen in Putins Russland. Und trotzdem hat es Alexej Nawalny geschafft, der berühmteste Politiker des Landes zu werden. Er hat Millionen von Menschen mit seinen Ideen angesteckt.

Wie? Er hat ständig fantasiert und experimentiert. Darf man nicht ins Fernsehen? Lerne, wie man YouTube-Videos macht, damit das ganze Land sie sieht.

Du darfst nicht zur Wahl gehen? Erfinde eine taktische Wahlstrategie, die der Regierungspartei Sitze wegnehmen wird.

Selbst in Putins Gulag gelang es Alexej, Ideen für Projekte weiterzugeben, die den Kreml in Panik versetzen würden. Er war das Gegenteil von allem, was langweilig ist.

Das beantwortet die Frage. Wenn ihr Putin wirklich besiegen wollt – dann müsst ihr Innovatoren werden. Und ihr müsst aufhören, langweilig zu sein.

Es ist unmöglich, Putin mit einer weiteren Resolution oder einem weiteren Paket von Sanktionen, das sich nicht von den vorherigen unterscheidet, zu schaden. Man kann ihn nicht besiegen, indem man ihn als einen Mann mit Prinzipien betrachtet. Mit Moral. Mit Regeln.

Das ist er nicht, und Alexej hat das schon vor langer Zeit erkannt. Sie haben es nicht mit einem Politiker zu tun, sondern mit einem verdammten Mafioso. Putin ist der Anführer eines organisierten Verbrecherrings. Dazu gehören Giftmörder und Attentäter, aber sie sind alle nur Spielfiguren. Das Wichtigste sind die Leute, die Putin nahestehen, seine Freunde, seine Mitarbeiter und die Verwalter der Mafiakassen.

Sie – und wir alle – müssen die Putin-Mafia bekämpfen. Und die politische Innovation besteht darin, die Methoden zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens und nicht die der politischen Konkurrenz einzusetzen.

Keine diplomatischen Notizen, sondern Ermittlungen zu verwickelten finanziellen Machenschaften.

Keine Bekundungen der Besorgnis, sondern die Suche nach Mafia-Mitarbeitern in Ihren Ländern, nach den diskreten Anwälten und Finanziers, die Putin und seinen Freunden helfen, Geld zu verstecken.

In diesem Kampf haben Sie verlässliche Verbündete – Dutzende Millionen Russen, die gegen Putin sind, gegen den Krieg, gegen das Böse, das er bringt. Ihr dürft sie nicht verfolgen – im Gegenteil, ihr müsst mit ihnen zusammenarbeiten. Gemeinsam mit uns.

Putin muss sich für das verantworten, was er meinem Land angetan hat. Putin muss sich für das verantworten, was er einem friedlichen Nachbarland angetan hat. Putin muss sich für alles verantworten, was er Alexej angetan hat.

Mein Mann wird nicht sehen, wie das schöne Russland der Zukunft aussehen wird, aber wir müssen es sehen. Und ich werde mein Bestes tun, um seinen Traum zu verwirklichen – dass das Böse zurückweicht und die Zukunft kommt». https://twitter.com/Kira_Yarmysh/status/1762798303123574852

NEUE UKRAINISCHE TAKTIK

Der Militärblogger Artur Rehi berichtet, was über die neue Taktik der ukrainischen Armee bekannt ist:

Nach dem Rückzug aus Avdiivka geht die Ukraine zu einer defensiven Taktik über. Die Front wird jetzt ausgerichtet und die geschützten Stellungen werden ausgebaut. Die ukrainischen Streitkräfte fügen der russischen Armee weiterhin maximalen Schaden zu. Deshalb ziehen sich die Soldaten nicht sofort auf feste Verteidigungslinie zurück, sondern warten ab, bis die russische Armee sich ihnen nähert. Erst nachdem sie Schaden anrichten konnten, ziehen sie sich auf die vorbereiteten Stellungen zurück. So geschehen bei Lastochkino, westlich von Avdiivka.

In anderen Abschnitten der Frontlinie wird ähnliches geschehen. Ein Rückzug aus einzelnen Siedlungen sollte nicht als etwas Tragisches empfunden werden. Die Einschätzung, um die Ukraine stehe es schlecht, ist eine von der russischen Propaganda geschürte Behauptung.

Die Ukraine versucht mit ihrer flexiblen Taktik, so viel eigene Soldaten wie möglich zu erhalten, während Russland eine grosse Menge an Arbeitskräften aufwendet, um vorzurücken und dabei Menschen und Material verliert.

Der Krieg zieht sich in die Länge. Neben der flexiblen Kampftaktik werden strategische Drohnenangriffe in den Tiefen Russlands fortgesetzt und systematisch Ölraffinerien, Lagerhäuser und Produktionsanlagen zerstört. Zudem wurde in diesem Monat eine Rekordzahl von Flugzeugen abgeschossen. Da Russland derzeit nicht in der Lage ist, diese Schäden und Verluste zu beheben, sind diese Angriffe sehr effektiv.

Die Ukraine beginnt auch mit der Herstellung eigener Raketen mit einer Reichweite von 700 km. Damit können sie Ziele treffen, für die sie die westlichen Waffen nicht verwenden dürfen, denn der Westen liefert gewisse Waffen nur unter der Bedingung, dass sie ausschliesslich in der Ukraine eingesetzt werden.

Die Bewohner der besetzten Halbinsel Krim wurden aufgefordert, die Krim-Brücke nicht zu benutzen. Wir warten mit Interesse auf Nachrichten. Vielleicht wird ja eine Überraschung für Putins Wahlen vorbereitet.

Aufgrund der Verzögerungen bei der westlichen Hilfe für die Ukraine ist der Vorteil bei der Artillerie wieder 10:1 zugunsten Russlands. Die ukrainische Armee braucht alle Arten von Waffen und damit wird sie in der Lage sein, die russische Armee und damit das Regime von Putin, das eine internationale Bedrohung darstellt, vollständig zu vernichten. https://twitter.com/ArturRehi/status/1762525912841498940

ISRAELS RICHTUNGSWECHSEL

Nachdem sich Israel zwei Jahre nur humanitäre Hilfe für die Ukraine bereitstellte, jede militärische Hilfe ablehnte und zu Russland eine ambivalente Haltung hatte, gibt es nun einen Richtungswechsel.

Der israelische Botschafter bei der UNO, Gilad Erdan, hielt eine Rede, in der er Russland in Grund und Boden stampfte. Er kündigte nicht nur an, dass Israel der Ukraine ein Frühwarnsystem gegen Raketen zur Verfügung stellen wird, sondern nannte die Ukraine auch einen «Verbündeten». Ausserdem setzt er Russland mit der Hamas gleich und greift Russland an, weil es einen weiteren Besuch der Hamas in Moskau ausgerichtet hat.

Video mit englischen Untertiteln:  https://twitter.com/i/status/1762580747171348549

Der deutsche Militärbeobachter «Tendar» schreibt: «Sie können sicher sein, dass diese Rede in Abstimmung mit dem israelischen Premierminister gehalten wurde. Sie markiert eindeutig das Ende der Beziehungen zwischen Putin und Netanjahu. Die pro-ukrainische Position Israels wird auch Auswirkungen auf die USA und die laufende Diskussion über Militärhilfe haben.» https://twitter.com/Tendar/status/1762580747171348549

DOK-FILM: «THE HARDEST HOUR»

Yaroslava, Abonnentin von «Ukraine Aktuell», hat mich auf den vor wenigen Tagen erschienenen Dokfilm «The hardest hour» aufmerksam gemacht, der frei angeschaut werden kann: https://www.youtube.com/watch?v=JCXJFKHbgOs&ab

Die Dokumentation des Regisseurs Alan Badoev und des Senders «1+1 Ukraine» entstand aus 200 Stunden Filmmaterial. Er zeigt das Überleben, der Widerstand und das Leben der Ukrainer während des Krieges. Jede Minute des Films wurde von Ukrainern mit ihren Mobiltelefonen aufgenommen. Einige Helden überlebten, andere wurden getötet… Aber ihre letzten Taten und Stimmen bleiben.

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