UKRAINE AKTUELL Nr. 797 (30.4.24/22Uhr)

  • Doppelt soviele Kinder starben
  • Kreml-Kampagne gegen zivile Flüge
  • Polizeigewalt gegen Demo in Tiflis
  • Russlands Luftwaffe geschwächt
  • F&A II.: Hauptprobleme an der Front

POLIZEI SCHLÄGT IN TIFLIS ZU

In der georgischen Hauptstadt Tiflis demonstrieren auch heute – zum 13. Tag in Folge – Tausende von Menschen gegen das «Anti-Agenten-Gesetze» der Kreml-nahen Regierung.

Die Demonstranten versammeln sich erneut vor dem Parlamentsgebäude. Die Regierung hat mit Schutzschildern und Helmen ausgerüstete Polizisten aufstellen lassen, welche prügelnd, mit Pfeffersprays und Gummigeschossen gegen die Protestierenden vorgehen.

Die demonstrierenden Frauen und Männer schützen sich mit Masken und widerstehen den Repressionskräften. Videos: https://twitter.com/i/status/1785380401168421348 und https://twitter.com/i/status/1785372045326336237, https://twitter.com/i/status/1785380671592042720 oder https://twitter.com/i/status/1785379986129469903

BILANZ DES TERRORS

Russlands verstärkte Angriffe auf die Ukraine haben in den letzten Monaten zu einem Anstieg der Zahl der getöteten ukrainischen Zivilisten geführt. Bei Angriffen wurden im März in der Ukraine mehr als 50 Kinder getötet, doppelt so viele wie im Vormonat. Nach Angaben der UN wurden im März in der Ukraine insgesamt 604 Zivilisten getötet oder verletzt. Diese Zahl ist 20% höher als im Februar.

«Diese Todesfälle stehen im Zusammenhang mit dem Einsatz von Raketen und Munition in der gesamten Ukraine und dem verstärkten Bombardement an der Frontlinie», teilt das britische Verteidigungsministerium mit.»

Hinzu kommen seit dem 22.März vier Angriffswellen gegen die Energieinfrastruktur der Ukraine bei denen mindestens 20 Ziele getroffen und im April weitere Menschen getötet wurden.

Neueste Ziel sind die Eisenbahnanlagen Dabei wurden in den letzten Wochen  in den Regionen Dnipropetrowsk, Charkiw, Donezk und Tscherkassy mindestens 11 Zivilisten getötet und Dutzende verletzt. Alle Angriffe fanden weit von der Frontlinie statt. https://twitter.com/Gerashchenko_en/status/1784997803636228136

RAKETEN GEGEN ZIVILISTEN

Über den gestrigen Angriff Russlands mit Iskander-Raketen auf Odessa ist nun etwas mehr bekannt. Wie bereits gemeldet, waren die Raketen mit Streumunition ausgerüstet. Wie Videos https://twitter.com/i/status/1785373598485524867 belegen, wurden die Raketen gegen eine beliebte Spaziergang- und Jogging-Strecke eingesetzt. Die so mit Sprengmaterial und scharfen Metallsplittern belegte Strecken beträgt rund 1,5 Kilometer. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird das eines der zu beurteilenden Kriegsverbrechen sein, wenn sie denn vor ein internationales Gericht kommen.

ZERSTÖRTE KAMPFJETS

Der Ukraine gelang es letzte Woche mit einem massiven Angriff mit 66 Drohnen zwei Oelraffinerien und einen Militärflugplatz anzugreifen. https://aldrovandi.net/2024/04/27/ukraine-aktuell-nr-794-27-4-24-21uhr/

Beim Angriff auf den Flugplatz Kuschtschewskaja wurden einige Kampfjets vom Typ SU-34 und SU-35 beschädigt oder zerstört. Der britische Geheimdienst beleuchtet in seinem täglichen Bulletin die Bedeutung dieser Flugzeuge: «Diese werden täglich bei Angriffen auf ukrainische Stellungen an der Front eingesetzt, wobei auch Gleitbomben zum Einsatz kommen. Russische Kampfflugzeuge führen von Kuschtschewskaja und einer Reihe anderer Flugplätze aus in der Regel 100 bis 150 Einsätze pro Tag durch, von denen ein erheblicher Prozentsatz Munition entlang der Frontlinien abwirft, da Russland versucht, mit schierer Feuerkraft Durchbrüche zu erzwingen. Dieser erfolgreiche Angriff wird Russland wahrscheinlich dazu zwingen, seine Kampfflugzeuge zu zerstreuen und Luftverteidigungskräfte neu einzusetzen, um die Lücken zu schliessen.» https://twitter.com/DefenceHQ/status/1785224494182797428/photo/1

KAMPAGNE GEGEN NATO

Das amerikanische «Institut for the Study of war» (ISW) macht in seinem neuesten Report auf eine Kampagne aufmerksam, welche Russland mithilfe von GPS-Störsendern gegen NATO Staaten führt und dabei unter anderem die Zivilluftfahrt gefährdet: «Der Kreml verfolgt eine hybride Kampagne, die sich direkt gegen die NATO-Staaten richtet, einschließlich des Einsatzes von GPS-Störsendern und der Sabotage der Militärlogistik im Hoheitsgebiet der NATO-Mitglieder. Baltische Minister warnen davor, dass Russland hinter den jüngsten Fällen von GPS-Störungen steckt, die kommerzielle Navigationssignale gestört haben und in der vergangenen Woche zwei Finnair-Flüge auf dem Weg von Helsinki nach Tartu zur Umkehr zwangen. Gemäss der «Financial Times» waren in den letzten Monaten «Zehntausende» von zivilen Flügen von GPS-Störungen betroffen.

Das ISW hat seit Ende Dezember 2023 weit verbreitete GPS-Störungen in Polen und im Baltikum beobachtet. Die russische Nachrichtenpublikation «Insider» (von Moskau auf die Liste «feindlicher Agenten» gesetzt), beschreibt, wie der russische Geheimdienst eine langfristige Präsenz in der Tschechischen Republik und in Griechenland aufgebaut hat, um Agenten bei der Durchführung von Sabotageaktionen in europäischen NATO-Staaten zu unterstützen. https://www.understandingwar.org/backgrounder/russian-offensive-campaign-assessment-april-29-2024

POLEN WILL A-WAFFEN DER NATO

Polen hat einen offiziellen Antrag auf die Stationierung von NATO-Atomwaffen gestellt. Das sagte der Stellvertretender Verteidigungsminister Pavel Zalewski

Ihm zufolge handelt es sich um einen Antrag auf Teilnahme am Programm zur gemeinsamen Nutzung von Atomwaffen. Zalewski stellte klar, dass die Entscheidung über den Einsatz von Atomwaffen, sofern diese in Polen stationiert werden, bei den Amerikanern liegt.

Die Bereitschaft Warschaus, Atomwaffen auf polnischem Territorium zu stationieren, wenn die NATO-Verbündeten dies im Rahmen der Stärkung der Sicherheit der Ostflanke des Bündnisses für notwendig halten, hatte zuvor der Präsident des Landes, Duda, erklärt.

Der Generalsekretär des Bündnisses, Stoltenberg, sagte (jedoch, dass der Block keine Pläne habe, in irgendeinem Land zusätzliche Atomwaffen zu stationieren.

Der stellvertretende Aussenminister der Russischen Föderation, Sergej Rjabkow, sagte seinerseits, dass nach der Stationierung der Atomwaffen der NATO-Staaten auf dem Territorium Polens „diese zu einem legitimen Ziel“ für Russland werden würden. https://t.me/uniannet/132580

FRAGE & ANTWORT Nr.2

In der neuen Rubrik Frage& Antwort, folgt hier die zweite Frage; Welches sind die Hauptprobleme an der ukrainischen Front? Die Antwort kommt von Konrad Muzyka, einem polnischen Militäranalysten von «Rochan Consulting» (@konrad_muzyka). Ton und Inhalt sind düster:

Kurz gesagt, die Situation sieht sehr schlecht aus und es ist nicht zu erwarten, dass sie sich in den nächsten Wochen verbessern wird.

Es gibt drei Gründe für die derzeitige Lage und die Probleme auf ukrainischer Seite sind seit langem bekannt: Mangel an Munition, an Menschen und Befestigungen.

  • MANGEL AN MUNITION

Um sich den Mangel an Artilleriemunition zu vergegenwärtigen, genügt es zu erwähnen, dass es auf ukrainischer Seite Einheiten gibt, deren Verbrauch im Vergleich zum Sommer 2023 um 70-90 % zurückgegangen sind. Der Artilleriebeschuss ist auf ein Minimum beschränkt und muss oft von Brigadekommandeuren genehmigt werden.

In diesem Zusammenhang ist die Unterstützung durch die USA jetzt von entscheidender Bedeutung, da sie das Missverhältnis zwischen den russischen und ukrainischen Zahlen verringern wird.

Allerdings geht es hier immer noch um den Abbau der Asymmetrie und nicht um das Erreichen der Parität.

Die ukrainischen Zugangsbeschränkungen für Waffen und Geschütze werden die Zahl der erfolgreichen Treffer der Ukrainer effektiv beeinträchtigen.

Aber was von den USA kommt, wird den Verlauf dieses Krieges nicht ändern, sondern nur verzögern. Wir warten weiterhin auf langfristige und systemische Lösungen, sowohl von den USA als auch von Europa, und auf die Vorlage eines konkreten Plans für die militärische Unterstützung der Ukraine in diesem Krieg, der es ihr ermöglichen würde, sich auf die Planung (gemeinsam mit westlichen Beratern) und die Durchführung von Operationen an der Front zu konzentrieren, um die Initiative wiederzuerlangen.

  • MANGELNDE BEFESTIGUNGEN

Der Beginn des Baus der Befestigungsanlagen hat sich verzögert. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Berichte über mögliche russische Angriffe auf Tschernihiw, Sumy und Charkiw (meiner Meinung nach sind diese Informationen Teil des russischen reflexiven Kontrollmechanismus) stand Kiew vor dem Dilemma, ein Schwerpunktgebiet auszuwählen.

Bei der Analyse der öffentlich zugänglichen Satellitenbilder der Gebiete, in denen Russland derzeit die Angriffe führt (Richtung Pokrowsk und Konstantinowka), sind keine befestigten Linien zu erkennen. Offenbar haben sich die Ukrainer auf den Aufbau von punktuellen Widerstandsstellungen konzentriert, die jedoch für Flankenmanöver anfällig sind, was bereits geschieht. Es bleibt zu hoffen, dass tief in der Region Donezk zusätzliche Befestigungen entstehen.

  • MANGEL AN SOLDATEN

Der Mangel an Soldaten ist jedoch der Schlüsselfaktor, der sich in den nächsten drei bis vier Monaten am stärksten auf die Entwicklungen an der Front auswirken wird. In dieser Zeit werden die neu mobilisierten Soldaten an der Front erscheinen, aber es besteht auch die Möglichkeit, dass ihre Ausbildungszeit im Falle eines russischen Durchbruchs oder eines Mangels an Reserven auf ein Minimum reduziert wird. In diesem Fall könnte sich die Ukraine im September in der gleichen Situation wie Russland befinden.

Derzeit wird versucht, Lücken in der Frontlinie zu schließen, indem Einheiten aus anderen Richtungen verlegt und die 47. mechanisierte Brigade oder die 3. Aufgrund der personellen Verluste auf ukrainischer Seite sind solche Aktionen in den kommenden Monaten jedoch nur schwer durchzuhalten.

  • LAGE SO SCHLECHT WIE ZU BEGINN

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Lage an der Front so schlecht ist wie seit März 2022 nicht mehr: Die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen nimmt weiter zu, und auch die Zahl der Angriffe steigt. Die Ukraine hat die dunkelste Stunde noch nicht überstanden. Sie steht erst am Anfang.

(Nummer 1 von F&A findet sich hier: https://aldrovandi.net/2024/04/28/ukraine-aktuell-nr-795-28-4-24-21uhr)

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