UKRAINE AKTUELL Nr. 733 (26.2.24/21Uhr)

  • Höllische Zustände in Russlands Armee
  • Warum Navalny sterben musste
  • Bereits 22 Gefangene erschossen
  • Die wahren Front-Kräfteverhältnisse
  • Wichtige Aussagen von Zelenskyj

***************
Abonniere den GRATIS-Newsletter «Ukraine Aktuell» wenn Du nichts verpassen willst:  https://aldrovandi.net/newsletter-ukraine-aktuell-anmeldung
***************

HÖLLISCHE ZUSTÄNDE

Wie die russische Armee ihre eigenen Soldaten demütigt, bestraft und teilweise tötet, berichtet das russische Online-Magazin «Verstka». Die umfassende Recherche ist zu finden unter: https://verstka.media/vnesudebnie_raspravi_kotorie_skrivayut_v_rossiiskoy_armii_issledovanie.

Neben den seit Jahren bekannten brutalen Methoden in der russischen Armee hat sich die Situation nahe der Front verschärft, weil die Soldaten und ihre Vorgesetzten nach monatelangen Kämpfen ohne Pausen erschöpft sind und die Desertionen zunehmen. Verstka schreibt: «Je näher an der Schusslinie und je länger kein Urlaub ist, desto härter werden die Beziehungen zwischen den Soldaten der russischen Armee.»

Über die umkämpfte Krynky am linken Dnjepr-Ufer sagt einer der Soldaten: «Ehemalige Dörfer wie Krynky sind heute gefrorene Ruinen, übersät mit den Leichen russischer und ukrainischer Soldaten.» Von den russischen Soldaten, die in diesen Frontabschnitt geschickt werden, kommt «fast niemand» zurück. Jeden Tag würden zwischen 60 und 100 Soldaten getötet.

Eine der Bestrafungsmethoden dokumentiert «Verstka» in zwei Videos: Vier nackte Männer stehen in der Nacht vor einer Gruppe bekleideter Soldaten, werden geschlagen und gezwungen in eine mannshohe Grube zu steigen, die sie zuvor selbst graben mussten. Die Männer sollen während der Dienstzeit Drogen konsumiert haben.

Soldaten, die sich weigern, einen Angriff durchzuführen, werden nicht zu militärischen Ermittlern geschickt, sondern an Bäume gefesselt und ihnen wird tagelang weder Essen noch Trinken gestattet. Einer der Soldaten, stimmt zu, an die Front zu gehen, nachdem er zwei Tage lang mit Handschellen gefesselt einen Baum umarmt hatte.

«Verstka» zitiert zudem einen Soldaten, der berichtet, dass Bestrafte gezwungen werden, sich gegenseitig zu vergewaltigen und die Bewacher würden dabei zuschauen und sich amüsieren.

Je näher die russischen Soldaten an der Front sind, umso häufiger sind aussergerichtliche Sanktionen. «Nahe der Front wird Moral zu einem elastischen Begriff. Hier braucht niemand Militärermittler. Und es wird keinen Prozess geben», sagt einer der Zeugen.

Im Vergleich dazu haben jene relatives Glück, die von einem Militärgericht bestraft und in die Disziplinarbataillone Nr.36 im Transbaikal-Territorium oder Nr.28 in der Region Nischni Nowgorod versetzt werden. Mehrere hundert Soldaten erlitten in den letzten zwei Jahren dieses Schicksal.

Der Artikel beruht auf den Aussagen von mehreren russischen Soldaten, welche «Verstka» in den letzten Monaten interviewte.

Einer der Soldaten, ein Sträfling, der auf Begnadigung hoffte, sagt: «Leute, es ist besser, alle zu Hause zu bleiben, eure verdammte Strafe zu verbüssen und zu euren Frauen und Kindern zu gehen, ich weiss nicht, wer euch noch geblieben ist. Gehen Sie besser als Hausmeister arbeiten, hier gibt es nichts zu tun. Wir können hier nicht überleben. Wir verstehen nicht, was Krieg bedeutet, verdammt.» (Auch hier zusammengefasst: https://twitter.com/ChrisO_wiki/status/1761131001055428963)

WARUM NAVALNY STARB

Alexej Nawalny starb, weil Putin einem Austausch von Navalny gegen einen in Deutschland in Haft sitzenden russischen Geheimdienstmitarbeiter nicht zustimmen wollte. Das erklärte heute Maria Pevchikh, die Vorsitzende der Anti-Korruptions-Stiftung von Alexey Navalny

Anfang Februar, so Pevchikh, wurde Putin ein Angebot unterbreitet, Alexey Navalny und «zwei amerikanische Staatsbürger» gegen den Ex-FSB-Offizier Vadim Krasikov auszutauschen, der 2019 den ehemaligen tschetschenischen Feldkommandanten Zelimkhan Khangoshvili in Deutschland getötet hatte:

«Ich habe die Bestätigung erhalten, dass sich die Verhandlungen am Abend des 15. Februar in der Endphase befinden», sagte Pevchikh. «Am 16. Februar wurde Alexey getötet.»

«Nach dem Beginn des Krieges wurde klar, dass wir Navalny um jeden Preis aus dem Gefängnis holen mussten – und zwar dringend», sagte Pevchikh. Da Alexey Navalny russischer Staatsbürger sei, habe sein Team beschlossen, einen «humanitären Austausch» anzustreben, der es dem Ausland ermöglicht, russische Spione im Austausch gegen politische Gefangene freizulassen.

Die Verhandlungen haben fast zwei Jahre gedauert. Pevchikh: «Amerikanische und deutsche Beamte nickten verständnisvoll. Sie sprachen davon, wie wichtig es sei, Nawalny und anderen politischen Gefangenen zu helfen, schüttelten unsere Hände, machten Versprechungen und taten nichts.»

Unter grossen persönlichen Risiken hätten sich Leute auch aus dem Umfeld des Kremls für eine Verhandlungslösung eingesetzt.

«Putin hätte Krasikov bekommen können», sagte Pevchikh. «Aber nur, wenn er Navalny aufgegeben hätte.» Vermutlich rechne Putin nun damit, dass die Barrieren für eine Verhandlungslösung für die Freilassung von Krasikow tiefer geworden seien und er nur weitere Geiseln machen müsse, um ein gültiges Angebot machen zu können. In dieser Situation habe er Navalny nicht mehr gebraucht. (Youtube-Video) https://www.youtube.com/watch?v=jqevNxQ2T8Y

TOD EINES FOTOGRAFEN

Wie jetzt bekannt wurde starb Dmitri Markow im Alter von nur 41 Jahren am selben Tag wie der Oppositionspolitiker Alexej Navalny. Markow war einer der bekanntesten Fotojournalisten Russlands und wurde unter anderem durch Fotos berühmt, mit denen er Navalny unterstütze.

Ein Beispiel: Das Bild eines maskierte Geheimdienstmitarbeiters, der unter dem Porträt von Putin gegen Navalny aussagt. Markow zeigte ausserdem mit seinen Fotos das Leben in Russland, welches mit den Aussagen der Kremlführung nicht übereinstimmen.

Die meisten seiner Bilder nahm er mit einem Handykamera auf. Sie wurden bei vielbeachteten Ausstellungen, unter anderem in New York und Paris gezeigt.

Die Todesursache ist noch nicht bekannt. Aber es war kein Geheimnis, dass Markow seit seinem 13.Lebensjahr zum Teil sehr gefährliche Erfahrungen mit harten Drogen gemacht hatte.

Ein Blick in sein Schaffen gibt es auf Markows Insta, welches 888’000 Follower hat: https://www.instagram.com/dcim.ru/

***************
Zu jedem Text gibt es Fotos, Karten, Grafiken. Diese sieht, wer ein Abo für «Ukraine Aktuell» abschliesst. Das ist gratis und rasch gemacht: https://aldrovandi.net/newsletter-ukraine-aktuell-anmeldung
***************

GEFANGENE ERSCHOSSEN

Ein neues Video belegt, wie russische Soldaten sieben ukrainische Soldaten erschiessen, welche sich ergeben haben und ohne Waffen waren. Das Kriegsverbrechen geschah beim Ivanivske in der Nähe von Bakhmut. https://twitter.com/i/status/1761807566978298210

Russische Soldaten haben in den vergangenen drei Monaten mindestens 22 Kriegsgefangene erschossen. All das sind «etablierte Fälle». Fast alle von ihnen wurden auf Video festgehalten. Seien Sie vorsichtig, die Videos zeigen Szenen, in denen Menschen getötet werden, unbewaffnete Soldaten, die kapituliert haben. https://t.me/arrowsmap/3572

Ian Matveev listet auf: Nahe Bakhmut: 9 Hinrichtungen; Avdiivka: 6 Tote; Rabotino: 5 getötete Soldaten; Stepovoi: 2 Erschiessungen.

Marveev schreibt, dass diese Morde und Kriegsverbrechen zu einem System geworden sind: «Höchstwahrscheinlich handelt es sich dabei um einen Versuch, ukrainische Soldaten einzuschüchtern. Und auch die allgemeine Verbitterung des russischen Militärs. Die auf Selbstmordattentate geschickt werden. Sie verlieren eine große Anzahl ihrer Kameraden und rächen sich offenbar auf diese Weise. Dabei vergessen sie, dass der Hauptgrund, warum sie in den Tod getrieben werden, und ihr Hauptfeind Putin ist.» (@ian_matveev)

DIE FRONT-KRÄFTEVERHÄLTNISSE

Der OSINT-Analyst Pasi Paroinen hat die Gesamtlage an der Front beleuchtet und zeigt die Kräfteverhältnisse auf. Für die Verteidiger definiert er die Frontgruppen «Odessa – O» (Im Süden zwischen Odessa und Zaporischja), «Tavriya – T» (im Zentrum zwischen Zaporischja und Horlivka) und «Khortytsia – K» (im Osten zwischen Horlivka und Kupiansk).

Demgegenüber stehen die Invasoren mit den Heeresgruppen «Dnjepr» (im Süden der Ukraine), «Zentral» und «East» (in der Mitte der Front) und «West» (im Osten der Ukraine).

In einem detaillierten Vergleich listet Paroinen die Militäreinheiten auf, die er anschliesend summarisch als «Divisionen» zusammengefasst:

SÜDEN: Ukraine = 4 Divisionen, Russland = 12-13 Divisionen;
ZENTRUM: Ukraine = 11-12 Divisionen, Russland = 22-25 Divisionen;
OSTEN: Ukraine = 14-17 Divisionen, Russland = 13-14 Divisionen.

In einer «Frontline-Map» sind die Details und Veränderungen abrufbar: https://www.scribblemaps.com/maps/view/The-War-in-Ukraine/091194

WICHTIGE AUSSAGEN ZELENSKYJS

Tymofiy Mylovanov, Direktor der Wirtschaftsschule in Kyjv hat die gestrige Medienkonferenz des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelenskyj verfolgt und nennt die wichtigsten Aussagen:

OPFER: Zelenskyj enthüllt ukrainische Opferzahlen: 31’000 ukrainische Soldaten sind in diesem Krieg gestorben und 180’000 Russen;

DIE RUSSISCHE OFFENSIVE: Die kommenden Monate werden hart werden. Russland plant eine weitere Offensive für Ende Mai/Sommer. Aber die US-Präsidentschaftswahlen werden der entscheidende Punkt sein;

ÜBER DAS ENDE DES KRIEGES: Zelenskyj glaubt, dass dieses Jahr darüber entscheiden wird, wie der Krieg endet. Er deutet an, dass, wenn Russland mehr Territorium und Einfluss gewinnt, dies das Ende des Krieges verzögern oder zu einem ungünstigeren Ergebnis für die Ukraine führen könnte;

POLEN BLOCKADE: Zelenskyj sagt, wenn wir keine Lösung für das Problem mit Polen finden, werden wir unser Geschäft verteidigen. Er meint einen Handelskrieg. Das ist nicht gut;

LANGSTRECKEN-RAKETEN: Einige wissen vielleicht nicht, dass die USA die Lieferung von ATACAMS-Langstreckenraketen abgelehnt haben und die Lieferung von Kurzstreckenraketen als grosser Erfolg gefeiert wurde. Zelenskyj räumte das Fehlen von Langstreckenraketen ein, hielt sich aber mit offener Kritik zurück;

STRATEGIE: Zelenskyj weigert sich, die Ukraine-Strategie mitzuteilen, und erwähnt die Weitergabe von Geheiminformationen an Russland. Zelenskyj: «Ich will ehrlich sein, unsere Pläne für die Gegenoffensive im letzten Herbst lagen auf dem Tisch des Kremls, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ich werde also keine Details des neuen Plans preisgeben. Je weniger Menschen die Pläne der ukrainischen Streitkräfte kennen, desto schneller werden wir den Sieg erringen.»;

FEHLENDE WAFFEN: Er weist diplomatisch, aber direkt darauf hin, dass einige Waffen und Munition, die für die Gegenoffensive im Sommer versprochen wurden, nie angekommen sind. Zelensky: Wir hatten eine «Faust für die Gegenoffensive», aber bis heute sind vier dieser Brigaden «nackt», es fehlt die vereinbarte und unterzeichnete Ausrüstung. Sie ist nicht eingetroffen;

DÜSTER: Zelenskyj ist weiterhin diplomatisch, aber sein Ton ist sehr düster, und er spricht schwierige Schlüsselfragen an, wobei er andeutet, dass die Situation weder ein Erfolg noch ein Misserfolg ist, sondern dass es ernsthafte Bemühungen und Zwänge gibt. https://twitter.com/Mylovanov/status/1761891909385990614

Facebook
Twitter
Pinterest
Telegram
Email
Print
BLICKPUNKT

Ähnliche Texte

Nachrichten

UKRAINE AKTUELL Nr. 786 (19.4.24/23Uhr)

ERSTMALS BOMBER ABGESCHOSSEN Heute wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein mit Marschflugkörpern bestückter schwerer russischer Bomber Tu-22M3 «Backfire» über Russland abgeschossen. Das Flugzeug

Mehr »
Nachrichten

UKRAINE AKTUELL Nr. 785 (18.4.24/21Uhr)

NATO-LÄNDER LIEFERN 6 PATRIOTS Am 3.April hatte der ukrainische Aussenminister Kuleba die Lieferung von mindestens 5 – 7 Patriot Luftwaffen-Abwehrsysteme gefordert, um das Land vor

Mehr »
Nachrichten

UKRAINE AKTUELL Nr. 784 (17.4.24/21Uhr)

US-VORSCHLAG LIEGT VOR Am Samstag soll über die Hilfe an die Ukraine abgestimmt werden. Das sagte heute der Sprecher des Repräsentantenhauses, der Republikaner Mike Johnson.

Mehr »
Nachrichten

UKRAINE AKTUELL Nr. 783 (16.4.24/23Uhr)

DEMO IN TIFLIS GEHT WEITER Seit gestern demonstrieren in der georgischen Hauptstadt Tiflis tausende Menschen vor dem Parlament gegen die Einführung eines «Gesetzes gegen Spione».

Mehr »

Copyright © 2020. www.aldrovandi.net. All rights reserved.