UKRAINE AKTUELL Nr.718 (11.2.24/21Uhr)

  • Was über Syrskyj bekannt ist
  • Kämpfe um Avdiivka halten an
  • Umbau der Armee geht weiter
  • Besatzer nutzen Musk-Starlink
  • Trump ermuntert Putin
  • Stahlgrenze aus Eisenbahnwagen

WAS MAN ÜBER SYRSKYJ WEISS

Kaum ist der neue Armeechef der Ukraine, Olexandr Syrskyj im Amt, geht das Gerangel um seine Person los. Bekannt ist, dass er 1965 in Russland geboren ist und 1986 in die Ukraine übersiedelte, die damals noch Teil der Sowjetunion war. Zuvor hatte er seine Ausbildung an der Höhere Militärkommandoschule in Moskau abgeschlossen, wie alle hohen Berufsmilitärs aus der UdSSR damals. Das alles war bekannt, bevor Syrskyj zum neuen Befehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt wurde.

«The Guardian» veröffentlichte am Freitag genau diese bekannten Fakten, fügte aber zwei pikante Details dazu: Erstens, Syrskyjs Bruder Oleg und ihre gemeinsame 82-jährige Mutter würden noch in Russland leben. Zweitens, die Beiden hätten auf dem in der Ukraine verbotenen russischen sozialen Netz «Odnoklassniki» Beiträge gelikt, welche die russische Invasion der Ukraine unterstützen. Gleichzeitig sagte aber ebenfalls dieser Bruder Oleg, dass er zu Olexandr keinen Kontakt habe und nicht einmal wisse, wo er sei.
https://www.theguardian.com/world/2024/feb/09/ukraine-fresh-approach-battlefield-new-top-general-oleksandr-syrskyi

Oleksiy Melnyk, Co-Direktor für Aussenpolitik und internationale Sicherheitsprogramme am Razumkov Center, relativierte diese Informationen: «Ich würde mich nicht zu sehr auf die Fakten der Biografie des neuen Oberbefehlshabers konzentrieren. Dies bezieht sich auf seinen Geburtsort und die Tatsache, dass er an einer Militäreinrichtung in Moskau seinen Abschluss gemacht hat. Denn der General gehört zu der Generation, die noch an sowjetischen Universitäten studierte.» Ein Einfluss auf seine Position als Soldat oder Bürger sei nicht sichtbar Man solle nicht zu sehr nach «versteckten Fehlern in der Biographie» suchen, schreibt Melnyk. https://nv.ua/ukr/opinion/shcho-robitime-sirskiy-na-fronti-viyskoviy-ekspert-pro-zminu-strategiji-ukrajini-50391403.html

Das Zentrum für Desinformationsbekämpfung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine geht noch einen Schritt weiter. Die russische Propaganda habe eine groß angelegte Kampagne gestartet, um den neu ernannten Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj, zu diskreditieren. Die Propagandisten versuchen, das Bild einer «sowjetischen und russischen Person» zu zeichnen und das Thema seiner Verwandten in Russland zu fördern. Das ultimative Ziel des Feindes, so Andriy Kovalenko, Leiter des Zentrums für Desinformationsbekämpfung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, sei es, das Vertrauen der ukrainischen Gesellschaft in die Streitkräfte zu schwächen. https://eng.obozrevatel.com/section-news/news-russians-are-trying-to-impose-the-image-of-a-soviet-and-russian-person-on-syrsky-center-for-countering-disinformation-11-02-2024.html

Nur teilweise bekannt ist, was General Syrskyj in der Ukraine bereits für Erfolge erzielt hat: «Dank der Entscheidung von General Syrskyj wurden die Brückenübergänge in der Region Kjiv schnell zerstört und ein Damm am Fluss Irpin gesprengt, wodurch die Stellungen der russischen Armee überflutet und der Vormarsch des Feindes gestoppt wurde. Die erfolgreiche Verteidigung von Kyiv wurde zum entscheidenden Wendepunkt des Krieges und verhinderte, dass Russland sein Hauptziel erreichte. Nach der erfolgreichen Verteidigung von Kjiv wurde Syrskyi der Titel «Held der Ukraine» verliehen.

General Syrskyj leitete auch die Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte in der Region Kharkiv, die zu einer der erfolgreichsten des gesamten Krieges wurde. Dank der umsichtigen und ausgewogenen Massnahmen des Generals wurde fast das gesamte Gebiet der Region Charkiw in Windeseile befreit und die Besatzer wurden aus Balaklija, Kupiansk und Izium vertrieben.» https://before-war-after.com/de/nachrichten/oleksandr-syrskyi

Auch für Oleksiy Melnyk ist es viel wichtiger, dass Syrskyj und sein Vorgänger Zaluzhnyj «äusserst beeindruckende Leistungen und entsprechende Erfahrung beim schrittweisen Durchlaufen aller Wehrdienststufen» haben.

Und – und da überrascht Melnyk: Es sei «eher eine gute Nachricht», dass man nichts wisse über die strategischen Pläne von Syrskyj, denn «wir haben bereits eine traurige Erfahrung damit gemacht, wie die Strategie der Bundeswehr am Vorabend der Offensive ausführlich besprochen wurde.» Und schliesslich wart Melnyk vor dem Wunsch nach schnellen Erfolgen: «Die Klassiker besagten, dass man Dutzende Schlachten gewinnen, aber einen Krieg verlieren kann. Ich und wir alle hoffen, dass es bei Syrskyjs Strategie nicht darum geht, ein paar Schlachten mit Bravour zu gewinnen, sondern darum, den Sieg zu erringen.»

Genau vor solchen «schnellen Erfolgen» hatte Syrskyj bereits im Juli 2023 gewarnt. Gegenüber BBC sagte er damals: «Wir würden gerne sehr schnell Ergebnisse erzielen, aber in Wirklichkeit ist das praktisch unmöglich.» Ansonsten konzentrierte sich die BBC auf andere Eigenschaften: General Syrskyj werde von seinem Umfeld gelobt, das sein Engagement, seine Entschlossenheit und seine Gerissenheit bewundert. Syrskyj ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Zur Entspannung trainiere er täglich im Fitnessstudio und schlafe nur viereinhalb Stunden pro Nacht. https://www.bbc.com/news/world-europe-66225691

GERÜCHTE ÜBER AVDIIVKA-ABZUG

Russische Telegram-Kanäle verbreiten die Nachricht, dass die ukrainische Armee mit dem schrittweisen Abzug ihrer Truppen aus Avdiivka und Umgebung begonnen hat. Dies geschehe auf Befehl des neuen ukrainischen Armee-Chefs Olexandr Syrskyj. https://t.me/frontbird/6426

Der Pro-Kreml-Blogger Rybar berichtet enthusiastisch: «Die russischen Truppen stürmen weiterhin den privaten Sektor von Avdiivka. Das Datscha-Dreieck zwischen der Alter Group, der Eisenbahnbrücke und der Avdiivka Autobase wurde unter Kontrolle gebracht. https://twitter.com/rybar_force/status/1756746903541145728

Frontkarten rund um Avdiivka zeigen, dass sich die Lage für die ukrainischen Verteidiger zwischen dem 1. Und dem 9. Februar stark verschlechtert hatte und eine komplette Einschliessung droht. https://twitter.com/Pouletvolant3/status/1756732084725416122

Demgegenüber schreibt Oleksandr Tarnavskyi von den ukrainischen östlichen Kampftruppen, dass die Lage angespannt aber «unter Kontrolle» sei: «Wir sehen das Ziel des Feindes darin, Avdiivka, Nowomychailivka und die Gebiete, die er letzten Sommer verloren hat, um jeden Preis und so schnell wie möglich einzunehmen. Der Feind fügt zunehmend gepanzerte Gruppen hinzu, um Infanteriegruppen anzugreifen. Aber die ukrainischen Soldaten halten die Verteidigung fest. Der russische Aggressor wird aktiv zerstört und gefangen genommen, einschließlich unserer neuen Kräfte, die in die Schlacht gezogen sind.» Den Russen würden weiterhin massive Verluste zugefügt. https://t.me/otarnavskiy/476

Die Situation an der Front sei «sehr schwierig». Das sagte Oleksij Danilov, Sekretär des Sicherheitsrates der Ukraine in einem Radio-Interview. Er wies darauf hin, dass die Situation noch komplizierter werden würde, wenn der Westen die Versorgung mit Waffen und Munition nicht deutlich erhöhen würde, und dass jede Erwartung eindeutig nicht zu Gunsten der Ukraine ausfallen werde. «Die ukrainischen Truppen brauchen Waffen, Waffen und noch mehr Waffen», sagte Danilov. https://t.me/insiderUKR/69456

UMBAU DER ARMEE GEHT WEITER

Heute setzte Präsident Volodymyr Zelenskyj die umfangreichen Veränderungen in der militärischen Führung fort. Er ernannte neue Kommandeure der Bodentruppen, der Vereinigten Streitkräfte, der Luftlandekräfte und der Territorialverteidigungskräfte.

Oleksandr Pavlyuk (oben links) wurde zum neuen Kommandeur der Bodentruppen der Streitkräfte der Ukraine ernannt. Zuvor hatte diese Position Oleksandr Syrskyi inne, der anstelle von Valery Zaluzhny der neue Chef der Streitkräfte wurde. Yuriy Sodol (oben rechts) wurde neuer Chef der vereinten Streitkräfte; Ihor Skybyuk (unten links) ist neuer  Kommandeur der Luftlandekräfte.

Stark umstritten ist die Ernennung von Ihor Plahuta (unten rechts) zum Leiter der Territorialverteidigungskräfte. Plahuta war ab 2013 Chef der Inneren Truppen des Innenministeriums und damit verantwortlich für das brutale Vorgehen gegen die Pro-Europa-Demonstranten auf dem Maidan-Platz in Kyiv im Jahr 2014.  https://nv.ua/ukr/ukraine/events/golovne-pro-novih-komanduvachiv-suhoputnih-viysk-ob-yednanih-sil-dshv-i-teroboroni-novini-ukrajini-50391782.html

MASSIVER DROHNENANGRIFF

In dieser Nacht führte die russische Armee einen massiven Drohnenangriff auf die südlichen Regionen der Ukraine durch. Es gab mehrere Verletzte und Zerstörungen an privatem und öffentlichem Eigentum. Die russische Armee griff die agroindustrielle Infrastruktur und Wohngebäude an. Unter anderem wurde eine Gasleitung beschädigt.

45 Angriffsdrohnen vom Typ Shahed-136/131 wurden von Balaklava und Kap Chauda auf der besetzten Krim aus abgeschossen. 40 dieser Fluggeräte wurden rechtzeitig zerstört. Dies geschah in den Regionen Kyiv, Winniza, Schytomyr, Kirowograd, Nikolajew, Tscherkassy, Odessa, Dnepropetrowsk und Kherson.

Die intensive Arbeit der Luftverteidigungseinheiten dauerte mehr als 5,5 Stunden. https://t.me/uniannet/125347

BESATZER NUTZEN STARLINK

Gestern hatte der ukrainische Geheimdienst berichtet, dass russische Besatzer Starlink-Internet-Terminals des Unternehmers Elon Musk nutzen und legte als Beleg erbeutete Geräte vor. Damit würde die Firma von Musk gegen Sanktionsbestimmungen verstossen. In einer Stellungnahme behauptete die Firma Starlink, dass keines ihrer Systeme in Russland in Betrieb sei.

Diese Auskunft ist offenbar nicht korrekt. Eine Karte der Starlink Verfügbarkeit zeigt, dass Starlink tatsächlich nicht auf der Krim und nicht im Donezk verwendet werden kann (auf der Karte rot eingezeichnet). Aber in der Zone zwischen dem Donbass und der Halbinsel Krim (auf der Karte gelb eingezeichnet) ist Starlink operativ und diese Gegend wird ebenfalls von russischen Truppen besetzt. (siehe Karte) https://twitter.com/Tendar/status/1756314711551807638

STAHLGRENZE AUS ZÜGEN

Die russischen Besatzer stellten in der Region Donezk einen 30 km langen «Zarenzug» zusammen. Das berichtet die ukrainische Analysten-Plattform DeepState.

Zwischen dem Bahnhof Olenivka und Volonavakha seien 2’100 Güterwagen aneinander gekoppelt worden (siehe Karte). Ein Teil der Wagons wurde in den besetzen Gebieten gestohlen. Mit dem Bau dieses «Tausendfüsslers» wurde im Juli 2023 begonnen.

Die Güterzug-Wand soll eine undurchdringliche Struktur bilden und die Ukrainer am Vormarsch hindern. Es handelt sich um eine sehr spezielle Konstruktion, deren Wirksamkeit schwer zu beurteilen ist. Deep State schreibt: «Es ist schwierig, eine 30 Kilometer lange Metallmasse zu beschädigen, zu bewegen oder zu sprengen, und es ist unmöglich, Fahrzeuge durch ein solches Hindernis zu bewegen, ohne den Korridor zu durchbrechen.» https://t.me/DeepStateUA/18821

TRUMP ERMUNTERT PUTIN

Trump prahlte an einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina damit, dass er den NATO-Partnern in Europa gedroht habe, sie im Falle eines Angriffs von Russland im Stich zu lassen. Er habe nichts dagegen, wenn Putin gegen Nato-Verbündete vorgehe, welche ihre «finanziellen Verpflichtungen» nicht erfüllen. Unter anderem sagte er:  «Ich werde unsere NATO-Verbündeten nicht verteidigen. Tatsächlich würde ich Russland ermutigen, zu tun, was immer sie wollen. Sie (NATO-Verbündete – Anm. d. Red.) müssen die Rechnungen bezahlen», sagte er. https://www.youtube.com/watch?v=_0p6yeSXKYo&ab_channel=ForbesBreakingNews

Das Weisse Haus nannte solche Aussagen «schrecklich und sinnlos» und fügte hinzu, dass sie die nationale Sicherheit Amerikas, die globale Stabilität und die heimische Wirtschaft gefährden. https://twitter.com/Christophe_Tymo/status/1756617852100988997

KORREKTUR: Im gestrigen Newsletter verwendete ich fälschlicherweise den Begriff «Wehrmacht» im Zusammenhang mit der heutigen deutschen Bundeswehr. Dies geschah aufgrund eines Fehlers bei einer automatisierten Übersetzung, den ich leider übersehen habe. Bekanntlich gibt es die Wehrmacht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr.

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