Ukraine Aktuell Nr. 600 (16.10.23/21Uhr)

Anstelle von Nachrichten zum Krieg Russlands gegen die Ukraine, heute zum 600. Tag des Überfalls eine Analyse zum aktuellen Scheitern von putins Truppen bei Avdiivka. Geschrieben hat sie Tendar, ein Analyst, der in Deutschland lebt, und den ich nach all den Monaten der Berichterstattung sehr schätze. (Originalartikel: https://twitter.com/Tendar/status/1713520368151941558 )

Ich möchte eine Bewertung der gegenwärtigen Situation um Avdiivka vornehmen.

Die Russen haben eine Reihe von großen Fehlern gemacht, aber ich möchte mit den Dingen beginnen, die sie richtig gemacht haben. Der erste war, dass sie ihre Aufrüstung in diesem Sektor offenbar verheimlicht haben. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Intensität des russischen Angriffs in diesem Sektor die ukrainische Verteidigung überrascht hat.

Die russische Armee hat erfolgreich eine Angriffstruppe eingesetzt, die die Grösse mehrerer Brigaden hat. Eine so große Offensivkraft zu verbergen, ist an sich schon eine Leistung, und das muss man ihnen lassen. Die zweite Leistung besteht darin, einen solchen Angriff logistisch zu bewältigen, obwohl es etwas gibt, das diese Leistung bereits zunichte macht, aber darauf werde ich später eingehen.

Und hier endet es, was sie richtig gemacht haben.

Trotz der anfänglichen Erfolge der russischen Angreifer vor allem um Krasnohorivka und dank ihres heimlichen Aufbaus in diesem Sektor, zeigten die russischen Streitkräfte fast sofort ihre Schwächen, vor allem was die mobile Kriegsführung angeht.

VERSAGEN BEI DER MOBILEN KRIEGSFÜHRUNG

Man kann es nicht anders beschreiben, als dass sie hier völlig versagt haben. Dies ist eine Konstante in der russischen Kriegsführung seit dem 24. Februar 2022, und es ist verblüffend, wie wenig sie seitdem gelernt haben.

Es gab mehrere Videos, auf denen große Konvois russischer Fahrzeuge zu sehen waren, die versuchten, sich durch Straßen zu quetschen, die im Grunde genommen Chokepoints (Engpass/Flaschenhals) waren.

Besonders der Angriffskonvoi aus Krasnohorivka, der nur wenige hundert Meter vorankam, zeigte diese Entwicklung. Man konnte beobachten, dass die russischen Panzer versuchten, die führenden Fahrzeuge zu umgehen, die wahrscheinlich durch Minen oder ukrainische ATGM- und Drohnenteams gestoppt wurden.

DROHNEN MACHEN DEN UNTERSCHIED

Tatsächlich machten diese ukrainischen ATGMs (Panzerabwehrwaffen) und Drohnenteams den Unterschied aus. Sie stoppten den russischen Angriff in der Spur. Dies war wahrscheinlich auch der Moment, in dem die russischen Pläne, die viel zu optimistisch waren, ins Gegenteil umschlugen.

Wir sahen, wie zahllose russische Fahrzeuge, meist die führenden Fahrzeuge des Konvois, ausgeschaltet wurden. Danach konnten wir beobachten, wie dahinterfahrende russische Fahrzeuge versuchten, sie zu umgehen und gedankenlos durch die Felder zu rasen, wo sie auf Minen der Ukrainer aufliefen.

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Sichtbarkeit von Panzern der T-Serie gering ist. Aber das Ausbrechen aus einer Verteidigungslinie, die sicherlich schon vor dem Angriff bekannt war, unterstreicht nur, wie wenig Kampfkraft die durchschnittlichen russischen Soldaten mitbringen.

Es stimmt zwar, dass das russische Oberkommando bewusst Truppen für Landgewinne opfert, was besonders in Bakhmut zu beobachten war. Dort waren für die russische Führung das Sieg-Verlust-Verhältnis von bis zu 1:10 akzeptabel. Putins Leuten war also ein toter Ukrainer bis zu tote Russen wert. Aber dies ist keine haltbare Strategie.

NUTZLOSE OFFENSIVE

Der grösste Fehler der russischen Offensive ist die Tatsache, dass sie strategisch gesehen völlig nutzlos ist. Selbst wenn sie Avdiivka einnehmen könnten, was sehr unwahrscheinlich ist und mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird, ist diese Schlacht eine enorme Verschwendung von Ressourcen.

Meiner Meinung nach ist es noch viel schlimmer als die Grossverluste bei Vuhledar und Bakhmut, weil es die Situation in Saporischschja völlig ausser Acht lässt.

Wir haben entlang der südlichen Frontlinie einen enormen Anstieg der russischen Verluste gesehen, insbesondere bei der Artillerie.

Neben den Angriffen auf eine Reihe anderer Ziele ist es offensichtlich, dass die ukrainischen Streitkräfte die russischen Artilleriekapazitäten systematisch schwächen. Dies geht mit einem sichtbaren Rückgang des russischen Artilleriefeuers einher. Nach meiner Einschätzung hängt das zunehmend mit dem enormen Verschleiss der Artilleriegeschütze zusammen. Dies ist der Hauptgrund und weniger die Munitionsknappheit, die allerdings auch ein Problem darstellt, da die Ukraine systematisch Logistikzentren zerstört.

DESASTER STATT VERTEIDIGUNG

In einer solchen Atmosphäre könnte man annehmen, dass Russland lieber weiter in eine effektive und «elastische» Verteidigung investiert. Man müsste meinen, dass sie Ressourcen bereitstellen würde, um den Ukrainern den weiteren Vormarsch zu verwehren. Dabei dürfte aber nicht die russische Verteidigung in Saporischschja geschwächt werden. Diese Kombination hatte der russische General Iwan Popow kurz vor seiner Entlassung durch das russische Verteidigungsministerium gefordert. Stattdessen wird dieser Stunt um Avdiivka genehmigt. Er endete – wie andere russische Offensiven – in einem völligen Desaster. Das zeigt, dass Putin Kompetenz nicht belohnt. Er belohnt nur Loyalität.

Es gilt auch ein Fehlurteil zu widerlegen. Dieses lautet, dass mit der russischen Offensive um Avdiivka ukrainische Reserven gebunden werden, die dann an anderen Orten fehlen. Dies ist falsch, denn Avdiivka war schon immer eine Festung, die die Ukrainer mit einem relativen Minimum an Soldaten verteidigen können.

AVDIIVKA-SCHLACHT NUTZT DER UKRAINE

Tatsächlich ist Avdiivka durch die russische Offensive in diesem Sektor zu einem integralen Bestandteil der ukrainischen Gegenoffensive geworden. Denn die Schlacht um Avdiivka bindet riesige russische Reserven. Je länger die russische Armee versucht, die Stadt einzunehmen, desto besser für die ukrainischen Kriegsanstrengungen auf lange Sicht.

Auch wenn wir die russischen Verluste im Sektor Avdiivka nicht vollständig einschätzen können, so kann man doch mit Sicherheit sagen, dass sie außerordentlich hoch sind. Russland hat hier eindeutig eine große Menge an Ressourcen verschwendet.

Dies ist ein strategischer Fehler, denn selbst wenn die Stadt von Russland eingenommen worden wäre, hätte dies nichts an der strategischen Lage geändert. Stattdessen sind lebenswichtige Ressourcen, die für den kommenden Winter und das nächste Jahr benötigt werden, für immer verloren.

Die gesamte russische Operation erinnert mich an die deutsche Offensive in den Ardennen im Jahr 1944, die gemeinhin als «Ardennenoffensive» bekannt ist. Wie in den Ardennen überraschten die deutschen Truppen die Alliierten und erzielten zuerst greifbare Erfolge, liefen dann aber gegen befestigte alliierte Stellungen, wie z. B. in Bastogne, auf und steckten lange fest.

Am Ende vergeudete Deutschland seine letzten Elitetruppen und verschwendete Ressourcen, die für die Verteidigung viel nötiger gewesen wären.

PROPGANDA UND NARZISSMUS

Die Frage, warum Russland diese Offensive überhaupt gestartet hat, ist berechtigt, und ich vermute, dass sie in erster Linie propagandistischer und bis zu einem gewissen Grad narzisstischer Natur ist. Seit der Ankündigung Wagners, Bakhmut einzunehmen, sehnen sich das russische Verteidigungsministerium und insbesondere Schoigu und Gerassimow danach, dem russischen Volk etwas Ähnliches zu präsentieren.

Avdiivka liegt vor den Toren von Donezk und war Russland in diesem Sektor schon immer ein schmerzhafter Dorn im Auge. Die Einnahme einer solchen Stadt, selbst wenn sie den Verlust zahlloser Ressourcen bedeuten würde, ist manchmal besser als ein (vermeintliches) Patt. Ich glaube, Avdiivka wurde von ihnen genau aus diesem Grund ausgewählt.

UKRAINISCHE OFFENSIVE INTAKT

Die Russen werden nicht müde zu behaupten, dass die ukrainische Gegenoffensive bei Saporischschja ein «Fehlschlag» sei. Das liegt daran, dass sich auf der Karte nicht viel ändert, obwohl die Dynamik enorm ist, ebenso wie die russischen Verluste.

Nichts könnte falscher sein als diese «Fehlschlag»-These. Das lässt sich statistisch nachweisen, wie zum Beispiel in der Zahl der zerstörten Artilleriesysteme. Aber diese strategisch wichtigen Punkte lassen sich nicht so einfach in propagandistische Argumente ummünzen.

Die Öffentlichkeit und sogar die Presse lieben Karten und Pfeile darauf. Wenn sie fehlen, ziehen sie ihre eigenen und in den meisten Fällen falschen Schlüsse. Die russische Führung dachte, wenn nach Wochen des vermeintlichen Stillstands neu einige russische Pfeile auf der Karte erscheinen, würde dies einige Propagandapunkte liefern, die von der Presse aufgegriffen würden und den politischen Druck auf die ukrainische Führung weiter erhöhen. In Anbetracht der sich zuspitzenden Krise in Israel und im Gazastreifen könnte dies sogar noch mehr Zugkraft erhalten.

ZWEI ARTEN VON OFFENSIVEN

Meiner Einschätzung nach spiegelt die russische Avdiivka-Offensive alles wider, was an Russlands Art, in der Ukraine Krieg zu führen, falsch ist. Sie ist strategisch gesehen ein Fehler und wird sich auf lange Sicht sicherlich negativ auf Russlands Kriegsanstrengungen auswirken, ob Avdiivka nun eingenommen wird oder nicht.

Es zeigt auch den absoluten Unterschied in der Art und Weise, wie die Ukraine Krieg führt. In den ersten Wochen der ukrainischen Gegenoffensive haben die vereinten Streitkräfte der Ukraine (AFU) versucht, die Front in Saporischschja zu stürmen, ähnlich wie Russland Avdiivka stürmt. Dies geschah alllerdings zu keinem Zeitpunkt in demselben Ausmass wie Russland das in den letzten Tagen tat.

Die ukrainischen Streitkräfte haben daraus die richtigen Schlüsse gezogen, die Offensive gestoppt, ihre Taktik geändert und begonnen, Russland auf eine Weise zu schwächen, wie man einen verschanzten Feind schwächen kann. Das ist kein spektakulärer Weg, aber ein effektiver. Sie wird die gewünschten Ergebnisse bringen, wenn sie in dieser Weise fortgesetzt wird, und, was noch wichtiger ist, sie wird anhaltend sein.

Die Ukraine hat etwas, was Russland nicht hat, und das ist eine kohärente Kriegsstrategie. Am Ende wird dies der wichtigste Grund sein, warum die Ukraine diesen Krieg gewinnen wird.

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