Ukraine Aktuell Nr. 571 (17.9.23/14 Uhr)

RUSSLANDS ARTILLERIE-VORTEIL IST WEG

Seit dem 24.Februar 2022 war die Artillerie der Russen die gefürchtete Waffe und in diesem Bereich war Putins Armee stärker als die ukrainische. Doch diese Dominanz endet jetzt.

Der russische Diktator und Massenmörder Stalin – eines der Vorbilder von Putin – nannte die Artillerie den «Gott des Krieges». Doch genau mit der russischen Artillerie hat die russische Armee in der Ukraine grosse Probleme. «Jeden Tag degradieren die ukrainischen Streitkräfte jene russische Artillerie, die während des gesamten Krieges ein starker Vorteil für Moskau war. Sie haben die Parität ausgeglichen und scheinen tatsächlich die Oberhand gewonnen zu haben.», schreibt Randy Mot. https://twitter.com/randymot4/status/1702657716986991038 und hat dazu passende Links gesammelt.

Viele Quellen bestätigen diese Tatsache, darunter auch die von Russen selbst in durchgesickerten Mitteilungen. «Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass Russland bereits auf seine letzte praktische Artillerieoption zurückgegriffen hat und wahrscheinlich keinen Ersatzplan hat.» https://dailykos.com/…/-Ukraine-Update-Russia-doesn-t…

Die Situation in Russland wird sich nicht verbessern. Es gibt zahlreiche Mängel in der Lieferkette und ein grosser Teil der Ausrüstung ist veraltet. Sie können sich auch nicht auf die große Anzahl der vor dem Krieg gelagerten Artilleriegeschütze verlassen: «Frühe Einschätzungen der USA überschätzten die Menge, über die Russland verfügte, erheblich.» https://edition.cnn.com/…/russian-artillery…/index.html

MUNITIONSKRISE

Russland sah seinen Vorteil lange in der schieren Menge an verschossener Munition. Für diese Volumen-Artillerie kommen nur zwei Munitionsarten in Frage: 152-mm-Haubitzen und 120-mm-Mörser. Für den massenhaften Einsatz eines anderen Rohrartilleriesystems fehlen den Russen die notwenigen Mengen an Munition.

Erste Erfolge mit der Artillerie wurden dadurch erzielt, dass täglich etwa 20’000 152-mm-Artilleriegranaten durchgebrannt wurden. Um diese Schussmenge zu erreichen, müssen viele Haubitzen jeden Tag Dutzende oder manchmal sogar über 100 Granaten pro Tag abfeuern.

Die Jamestown Foundation schätze die russische Artillerieproduktion bei ihrem höchsten Niveau auf etwa 2’000 Granaten pro Tag oder 733’000 Granaten pro Jahr. Auf diesem Niveau wurden grosse Munitionsbestände angesammelt, aber die sind aufgrund des massenhaften Verbrauchs stark dezimiert.

Hinzu kommt, dass einige Experten die Tagesproduktion von 2’000 Granaten bezweifeln. Sie gehen eher von 700 Granaten pro Tag aus. In dieser Situation wird das Delta zwischen produzierter und verschossener Munition mit jedem Kriegstag grösser.

In dieser Situation könnte Russland versuchen, auf externe Lieferanten zuzugreifen. Doch ihr Drohnenlieferant Iran verfügt weder über eine nennenswerte Anzahl an 152-mm-Artilleriegeschützen noch über einen grossen Bestand an Granaten. Währenddessen China nicht bereit zu sein scheint, Russland tödliche Militärhilfe zu leisten.

Beim jüngsten Treffen mit Nordkorea könnte dieses Problem ein Thema gewesen sein. Aber die US-Geheimdienste glauben nicht, dass Russland grosse Mengen der Munition von Nordkorea kauft. Der Grund sei die mangelnde Qualität der nordkoreanischen Munition. Daten zeigen, dass Nordkorea über 300 Schüsse auf ein Inselziel abgefeuert hat und aufgrund der Granatenqualität nur 80 Treffer erzielte.

Kyrily Budanov, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes sagte jedoch, dass die Nordkoreaner bereits seit 6 Wochen Munition liefern. Es handelt sich um 122-mm- und 152-mm-Granaten und Raketen für die «Grads» Mehrfach-Raketenwerfern https://nv.ua/…/severnaya-koreya-prodaet-oruzhie-rossii…

ZU WENIG ARTILLERIE-ROHRE

Russland hat ein weiteres Problem: Ersatzrohre. Hochwertige Artillerierohre halten dem Abfeuern von 2’000 bis 3’000 Schüssen stand, manchmal auch mehr. Rohre schlechter Qualität können bereits nach 1’000 Schuss oder weniger platzen.

Bei einer Feuerrate von 20’000 Schuss pro Tag muss Russland acht bis zehn Läufe pro Tag in seiner Artillerie ersetzen. Das heisst: Seit Beginn der Invasion der Ukraine musste Putins Armee für bisher 3’000 bis 5’000 Artillerierohre Ersatz finden.

Doch Russland kann die harten Stahllegierungen zur Herstellung von Artillerierohren nicht massenhaft produzieren. «Die Motovilikha-Werke in Perm und Barrikady in der Oblast Wolgograd sind die einzigen verbliebenen Produktionsstätten für Artillerierohre in Russland, was die Produktion bereits einschränkt. Darüber hinaus benötigen diese Fabriken Stahllegierungen in Militärqualität, um Ersatzrohre herzustellen.»

Diese Stahllegierungen sind in Russland nicht erhältlich und die möglichen Quellen unterliegen seit 2014 Sanktionen.

https://dailykos.com schreibt: «Diese hochwertigen Stahllegierungen haben breite militärische Anwendungen: Sie werden in Artillerierohren, gepanzerten Fahrzeugen, Körperpanzerungen und mehr verwendet. Sie können nicht durch gewöhnlichen Massenstahl ersetzt werden, ohne das Ergebnis katastrophal zu schwächen. Nachdem Putins Reformen die Subventionen eingestellt hat und die Militärindustrie als unrentabel bezeichnete, um die die Kosten zu senken, ist Russlands Militärstahlindustrie praktisch vollständig gestorben.»

Die regierungsunabhängige russische Novaya Gazeta schrieb bereits im November 2022: «Russlands Metallindustrie ist tot. (…) Als ein Wettbewerb für Laufrohlinge ausgeschrieben wurde, erwiesen sich alle dafür eingereichten Muster als fehlerhaft. Das Besondere an den neuen Rohren ist, dass sie einem höheren Druck standhalten müssen, also langlebiger sein müssen. Dies erfordert spezielle Legierungen und Schmelzverfahren sowie kleine Öfen. Doch Tatsache ist: Russlands Metallurgie konzentriert sich auf grosse Mengen und Massenqualitäten von Stahl.» https://novayagazeta.eu/…/11/02/the-barren-barrels-en… .

Weltweit sind die Quellen für Hartstahllegierungen ausgetrocknet und stehen nicht für Exporte nach Russland zur Verfügung. «Russland hat höchstwahrscheinlich den gesamten Vorrat an Ersatzrohren aufgebraucht, den es möglicherweise gelagert hatte, und hat wahrscheinlich seine 152-mm-Artillerie im Feld nur gehalten, indem es Teile älterer Schlepphaubitzen ausgeschlachtet hat.», schreibt https://dailykos.com

FOLGEN DER FEHLENDEN LÄUFE

Angesichts des Problems, die Läufe in den richtigen Wartungsintervallen auszutauschen, sind die Russen gezwungen, 152-mm-Läufe über ihr Austauschdatum hinaus zu verwenden.

«Die Abnutzung von Waffenläufen ist unvermeidlich und schreitet mit dem Abfeuern von Patronen fort. Der Laufverschleiss wirkt sich direkt auf den Kammerdruck und damit auf die Mündungsgeschwindigkeiten der abgefeuerten Geschosse aus. Zusammen mit dem Verlust der Mündungsgeschwindigkeit werden Reichweite, Genauigkeit usw. beeinträchtigt.» https://ieeexplore.ieee.org/document/9069641

Dies erfordert, dass sogar die 152-mm-Haubitzen aufgrund von Reichweiten- und Genauigkeitsproblemen wegen des Laufverschleisses näher an der Front eingesetzt werden müssen, was sie anfälliger für Gegenbatterie- und Drohnenangriffe macht.

MÖRSER STATT ARTILLERIE

Die einzigen Fernschusswaffen, die den Russen in der Ukraine in grosser Zahl zur Verfügung stehen, sind ungeschützte 120-mm-Mörser. Sie werden im Freien eingesetzt und haben eine Reichweite von 5 – 10 Kilometern. Demgegenüber haben die gepanzerten 152-mm-Haubitzengeschütze eine Reichweite von 20 Kilometern.

«Die russische Feuerkraft hat sich von 152-mm-Haubitzen auf 120-mm-Mörser verlagert, was auf die Verfügbarkeit von Munition und Geschützen zurückzuführen ist.» https://rusi.org/…/meatgrinder-russian-tactics-second…

Die russischen Mörser-Einheiten müssen sich jedoch näher an der Front aufhalten, wo sie stärker dem Beschuss von ukrainischen Gegenbatterien ausgesetzt sind. Sie können zudem mit einer einzigen Streumunitionsgranate zerstört werden, weil sie nicht geschützt sind.

«Tatsächlich steht Russlands Artilleriewaffe höchstwahrscheinlich mit dem Rücken zur Wand. Sie wirft Belagerungsmörser aus der Zeit von 1959 auf ein modernes Schlachtfeld, das neue Schiesstaktiken erfordert. Diese Geschütze werden vorhersehbar in rasantem Tempo zerstört.» (Daily KOS)

Mörserbesatzungen sind ausserdem langsam im Einsatz und können, weil ungeschützt, durch Granatsplitter ausser Gefecht gesetzt werden. Und auch bei der verfügbaren grossen Anzahl von Mörsern wird sich eines Tages das Thema der Austäusche von Läufen stellen.

Die Ukrainer setzen die teuren HIMARS-Präzisionsgeschosse zur Zerstörung von 152-mm-Haubitzen- und 240-mm-Mörserstellungen ein. «Demgegenüber können die nahe der Front agierenden kleinen Mörser durch ein einzelnes Cluster-Artilleriegeschoss oder eine Rakete ausser Gefecht gesetzt werden. Für die Ukrainer bedeutet das erhebliche Munitionseinsparungen.» (Daily KOS)

WAS DIE UKRAINE ANGREIFT

Fast jeden Tag werden ein oder mehrere Videos veröffentlicht, welche gewaltige Explosionen von russischen Munitionslagern und Materiallagern hinter den Frontlinien zeigen. Der Nachschub von Munition an die Front wird dadurch und wegen weiterer Faktoren erschwert. Erstens fehlen Lastkraftwagen, die so schwere Ladungen transportieren können. Zweitens sind die Versorgungslinien im Bereich der weitreichenden ukrainischen Langstreckenartillerie und der lokal agierenden Partisanengruppen. https://youtube.com/watch?v=K1OUXqkfbsE

RUSSISCHE KAMPFKRAFT NIMMT AB

Aufgrund der oben beschriebenen Veränderungen auf dem Schlachtfeld, sowie mehr fest installierte 152-mm-Haubitzen und einen stärkeren Einsatz von Mörsern, ist die Zermürbungsrate der russischen Artillerie im Kampf dramatisch gestiegen. Die Russen verlieren jeden Tag 1 % der eingesetzten Artillerie, manchmal sogar bis zu 2 %. Die Kurve der täglich zerstörten russischen Artillerie steigt kontinuierlich an. https://lookerstudio.google.com/reporting/dfbcec47-7b01-400e-ab21-de8eb98c8f3a/page/p_puy9yu3a6c?s=

Es scheint für Russland physikalisch unmöglich, den starken Rückgang der Kampfkraft seiner Artillerie in der Ukraine in einem für den aktuellen Krieg relevanten Zeitrahmen umzukehren. Da die Verluste der Ukrainer zu über 70 % durch Artillerie verursacht wurden, ist der Einfluss an der gesamten Front zu spüren.

ERHÖHTE US-MUNITIONS-PRODUKTON

Die USA wollen die Produktion von Artilleriegranaten auf 100’000 Stück pro Monat erhöhen. Die Nachfrage nach 155-mm-Artilleriegranaten ist drastisch gestiegen, und die Bestände der Verbündeten für ihre eigene Verteidigung sind durch die Lieferung von Waffen an Kiew erschöpft. Seit Beginn des Krieges haben die Vereinigten Staaten der Ukraine mehr als 2 Millionen dieser Geschosse zur Verfügung gestellt. https://t.me/c/1394092619/54849

Aktuell produzieren die USA pro Monat 24’000 Schuss Munition in der Kategorie 155 mm für die Ukraine. Das ist doppelt soviel wie vor der Invasion Russlands in der Ukraine. Die Reportage von «Business Insider» aus der US-Projektilfabrik in Scranton, Pennsylvania in einem Video https://twitter.com/i/status/1703122398894063673

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