Ukraine Aktuell Nr. 491 (29.6.23/21Uhr)

SUROWIKIN ANGEBLICH GESTÄNDIG

Unter dem Namen «General SVR» existiert ein Twitter-Account, an dem mehrere «pensionierte und aktiven Geheimdienstagenten» beteiligt sind und ihr Material zur Verfügung stellen. In den letzten Tagen hat «General SVR» mehrere Meldungen als Erster veröffentlicht, welche nachträglich bestätigt wurden.

Heute schreibt «General SVR», dass bisher drei russische Generäle verhaftet worden seien. Namentlich genannt wird nur General Surowikin.

Putin habe sich online über den Stand des Verfahrens informieren lassen. «Dem Präsidenten wurde das Videomaterial des Verhörs von Armeegeneral Sergej Surowikin gezeigt, der unter physischem und moralischem Druck stehend, gestand, dass er Prigoschin in der Phase der Vorbereitung der Meuterei unterstützt hatte, aber nach den ersten Aufrufen des Leiters der PMCs zur militärischen Meuterei, hatte er seine Fehler, Schuld und Verantwortung erkannt und hatte eine Erklärung veröffentlicht, in der er die Aktionen gegen die zentrale Autorität Russlands scharf verurteilte.

Nach Durchsicht des Berichts und des Videomaterials sagte Putin, dass es sich nicht lohnt, den russischen Eliten und dem Volk den Dissens und die Abtrünnigkeit in der Armee zu demonstrieren.»

Im Weiteren schreibt «General SVR», dass er den Entscheid über den Umgang mit Surowikin verschoben habe. Es könne sein, dass der Verteidigungsminister Sergei Schoigu bald abgesetzt und durch Alexei Dyumin ersetzt würde. Sollte dies geschehen, wäre das allerdings ein Zeichen für einen inneren Aufstand im Kreml und eines der Entmachtung von Putin. https://twitter.com/generalsvr_en

SOLDATEN REVOLTIEREN

Heute erschienen Videos mit Gruppen von Soldaten, die sich weigern, an die Front zurückzukehren. Ein Sprecher der Einheit «Sturm Z – Russische Militärstrafeinheit, 6. Kompanie» äusserte sich in diesem Video https://twitter.com/i/status/1674230482924630016

Der Mann steht mit einem Dutzend Soldaten vor einem teilweise zerstörten Haus und sagt: «Heute ist der 28.Juni. Vor ihnen steht, was von der Sturm Z Einheit übriggeblieben ist. Ursprünglich waren wir 150. Wir kamen gemeinsam in die Zone der speziellen Militäroperation (SMO). Nach all den Feuergefechten, nach all dem, was wir sahen, sind noch diese Jungs übriggeblieben. Unter uns waren auch zwei 200-er (Code 200 = Tote), als wir hierhin gebracht wurden. (…)

An der Front, wo wir uns befanden, gab es keine Munition, kein Wasser und keine Lebensmittel. 300er (Code 200=Verletzte) wurden nicht evakuiert, 200-er verrotten noch dort. Es gibt einfach niemanden, der sie rausholt. Es werden grausame Befehle erteilt, die im Prinzip nicht einmal der Ausführung wert sind. Wir glauben im Grunde genommen, dass wir einfach nur ein Nullfeld sind.

Seit 3 Monaten unseres Dienstes haben wir kein einziges Mal einen Lohn erhalten.

Jetzt sind wieder Militärs aufgetaucht und haben uns gesagt: «Leute, ihr müsst in ein Lager an der Frontlinie gehen», wieder der Fleischwolf, in dem wir schon waren. (…)

Warum äussern wir uns hier? Wir werden uns weigern, weiter an Kampfeinsätzen teilzunehmen, und zwar aus all den Gründen, die wir in dieser Adresse genannt haben. Und wir übergeben uns in die Hände der MP (Militärpolizei). Wir werden später alle Namen auflisten, wenn jemand stirbt, der nicht an der Front gestorben ist. (…)

Wenn jetzt noch jemand von uns stirbt, ist er nicht an der Front gestorben, er wurde einfach von unseren eigenen Leuten hingerichtet. Das war’s. Guten Tag an alle, Ruhm für Russland.»

AUSWIRKUNGEN DER MEUTEREI

Mick Ryan ist ein pensionierter Generalmajor der australischen Armee. Er diente in Osttimor, im Irak und in Afghanistan sowie als Stratege im Stab der Vereinigten Staaten. Er ist unter anderem Mitglied des in Washington ansässigen «Centre for Strategic and International Studies».

Ryan analysiert die Auswirkungen der Meuterei auf die russische Armee, insbesondere auf deren Kampfkraft.

Als «Kampfkraft» definiert er im «Allgemeinen die physischen, intellektuellen und moralischen Aspekte militärischer Organisationen». Seine Folgerungen:

Die russische Armee wird PHYSISCH geschwächt: In der Ukraine werden viele private Milizen eingesetzt, neben den Wagner-Truppen zum Beispiel auch eine von Gazprom. Es seien jedoch die Wagner-Milizen, welche ihre Bedeutung im Krieg gegen die Ukraine bei der Eroberung von Bakhmut gezeigt hätten. Dies wäre der russischen Armee allein nicht gelungen. Nun stehe diese Söldner-Miliz nicht mehr zur Verfügung.

Die Meuterei hat die russische Armee INTELEKTUELL geschwächt. Der Söldner-Chef Prigoschin habe kurz vor dem versuchten Aufstand die Begründung für den Krieg gegen die Ukraine zerschlagen. Er demontierte die Aussage, dass es um einen Kampf gegen Nazis gehe, sondern um einen Kampf um Einfluss und Macht des Verteidigungsministers Schoigu. Ryan: «Im Krieg ist der Zweck wichtig. Er ist die Inspiration, für die Soldaten ihr Leben riskieren. Wenn die strategische Begründung für den Krieg offen untergraben wird, ist das eine Form der intellektuellen Korrosion der russischen Kampfkraft.»

Die Meuterei zeigte MORALISCHE Defizite in der Armee. Die Tatsache, dass viele Armeeeinheiten während der Meuterei «einfach zu Hause blieben» und dass auch führende Generäle darin verwickelt seien, zeige die Zerbrechlichkeit der Institution Armee und die allgemeine Unzufriedenheit mit Putin. Ryan: «Dieses mangelnde Vertrauen der Angehörigen des Militärs und der Sicherheitskräfte sowie der breiten Öffentlichkeit wird auch die Moral der Führungskräfte und Soldaten im Einsatz beeinträchtigen.»

Noch seien keine direkten Folgen auf dem Schlachtfeld sichtbar. Doch, so Ryan zu den Auswirkungen der drei Elemente: «Die Ukrainer, die das russische Militär besser kennen als jeder andere auf der Welt, werden dies mit Sicherheit ausnutzen.» https://www.abc.net.au/…/prigozhin-wagner…/102536320

ANGRIFF ÜBER TROCKENEN SEE

Verschiedene Militäranalysten halten einen Flankenangriff der ukrainischen Armee über den ausgetrockneten Kachovka-Stausee für möglich.

Chris Flaherty schreibt: «Ukrainische Streitkräfte werden den Fluss Dnipro wahrscheinlich an mehreren Stellen überqueren (die ukrainischen Streitkräfte sehen den Fluss als durchlässige Barriere), um die russischen Streitkräfte zu umgehen.» https://twitter.com/ChrisFlahe…/status/1674182570974801920

Der von Russen gesprengte Kachovka Staudamm hat zum Austrocknen des dahinterliegenden Stausees geführt, was eine Katastrophe für die Umwelt, die Menschen und die ukrainische Wirtschaft ist.

Nun zeigen Satellitenaufnahmen, dass Ukrainer die trockene Ebene nutzen, um von der Seite her gegen die Russen vorzustossen. Unter anderem wurde ein Übergang über den Fluss Dnjepr in Richtung besetzte Gebiete entdeckt https://www.planet.com/…/pontoon-like-shape-of-the… .

Mit diesem Flankenangriff können die Russen gezwungen werden, Kräfte aus der Umgebung der von ihnen besetzten Stadt Melitopol abzuziehen. https://twitter.com/ChuckPfarrer/status/1674233781195030528

OFFENSIVE AUF BREITER FRONT

Der ukrainische Generalstab ist gewöhnlich zurückhaltend, wenn es um die eigenen Aktivitäten geht. Im heutigen Morgenbulletin war das anders.

Hier ein Ausschnitt: «Im Sektor Bakhmut haben die ukrainischen Soldaten die strategische Initiative ergriffen und führen Offensivoperationen auf breiter Front durch. An den Flanken, in der Nähe der Stadt Bakhmut, üben sie weiterhin Druck auf den Feind aus und vertreiben ihn aus den zuvor eroberten Stellungen. Sie haben Erfolg und können in den bereits besetzten Gebieten Fuß fassen. (…)

Die Verteidigungskräfte der Ukraine führen weiterhin offensive Operationen in den Sektoren Bakhmut, Melitopol und Berdiansk durch. So haben sie in Richtung Riwne-Wolodyno Teilerfolge erzielt, konsolidieren ihre Stellungen, beschiessen die identifizierten feindlichen Ziele mit Artillerie und führen Gegenbatteriekämpfe durch. Die russischen Besatzer leisten erbitterten Widerstand und erleiden erhebliche Verluste an Personal, Waffen und Ausrüstung.» https://www.facebook.com/GeneralStaff.ua

PRIGOSCHINS NETZWERK TOT

Der Chef der Söldner Firma «Wagner PMC», Jewgeni Prigoschin, gründete in Russland ein soziales Netzwerk mit dem Namen «YaRus» als «patriotisches» Gegenstück zu Instagram und TikTok.

Im Telegram-Kanal des sozialen Netzwerks heisst es heute, YaRus habe «nach einer gründlichen Analyse der aktuellen Situation» beschlossen, seine Arbeit ab dem 30. Juni einzustellen. Und weiter:

«Aufgrund der politischen Situation wurde die Unterstützung für das Projekt ausgesetzt. Wir sind auf der Suche nach neuen Investoren». https://t.me/astrapress/31421

Prigoschin selber hat genügend finanzielle Mittel, aber die direkte Unterstützung durch den Kreml wird eingestellt, nachdem die Wagner Söldner am Wochenende eine Meuterei angezettelt hatten.

FALSCHE SCHWEIZER NEUTRALITÄT

Die faktisch nicht neutrale Haltung der Schweizer Regierung zum Ukraine Krieg entlarvt «Jessica Berlin» (104’000 Follower) in ihrem Twitter-Eintrag: «Bisher hat die Schweiz die Militärhilfe für die Ukraine aus Dänemark (gepanzerte Fahrzeuge), Deutschland (Munition) und Spanien (Flugabwehrgeschütze) blockiert. Jetzt blockieren sie italienische Panzer. Noch einmal, liebe Schweizer, lassen Sie uns ganz klar sagen: Wenn Ihr Handeln Russland hilft und der Ukraine schadet, sind Sie nicht neutral.» https://twitter.com/berlin_bridge/status/1674405863455354884

Auf diesen Tweet schreibt @IlvesToomas (194’000 Follower) aus Estland: «Ich schlage vor, dass wir die Schweiz sowohl vom NATO-Programm @ccdcoe als auch vom NATO-Programm «Wissenschaft für Frieden und Sicherheit» suspendieren. Man kann nicht beides haben. Ich verstehe insbesondere nicht, warum es von der Arbeit der NATO im Bereich der Cybersicherheit profitieren sollte.» https://twitter.com/IlvesToomas/status/1674349571193880577

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