Die zweite Welle in Frankreich

Die wichtigste französische Sonntagszeitung (Le Journal du Dimanche) publizierte heute die aktuellsten Zahlen zu COVID-19.

In der letzten Woche stieg die Zahl der Todesfälle auf 332, das sind 25% mehr als zwei Wochen zuvor.Die Zahl der Hospitalisationen stiegen um 34% und die Reanimationen um plus 40%.

Von den insgesamt 5000 Reanimationsbetten in Frankreich sind aktuell 19% belegt. Vor zwei Wochen waren es noch 12% und vor 3 Wochen 5%. Sollte das im gleichen Ausmass zunehmen, sind in 6 Wochen 100% der Reanimationsbetten belegt. Die Spitäler in Marseille und Lyon sind kurz vor der Belastungsgrenze und planen für die kommende Woche Verlegungen von Patienten in andere Regionen.

(Grafik: Screenshot Tagesanzeiger Schweiz)

Wenig Vertrauen in die Regierung und Vernunft

Die Regierung fährt einen Zickzack-Kurs zwischen Öffnung der Wirtschaft und strengen Regeln zugunsten der Gesundheit. Weite Teile der Bevölkerung überfordert das. Im März waren noch 54% der Meinung, dass die Regierung bei COVID-19 effizient handelt, aktuell sind das nur noch 36%.

Gleichzeitig ist das Volk sehr vernünftig. Gemäss der aktuellsten Umfrage des anerkannten Instituts IFOP sind 92% dafür, dass die Hygiene- und Abstandsregeln noch strikter eingehalten werden. Zwischen 75% und 83% sind bereit, ihr Freizeitverhalten zu ändern, zum Beispiel weniger auszugehen oder Freunde zu treffen. Und gar 72% hätten Verständnis dafür, wenn die Regierung ein neues „Confinement“ (Hausarrest, Massenquarantäne) von mindestens 14 Tage verhängen würde.

Alert maximal in Frankreich

Die Regierung trat diese Woche erneut auf die Covid-19 Bremse und die Massnahmen sind teils drastisch. Der Gesundheitsminister definierte am Mittwoch als höchste von fünf verschiedene Alarm-Stufen «Alerte maximal» für die Region Aix-Marseille und für die Insel Guadeloupe. Auf dieser Insel gab es in den letzten sieben Tagen 14 Covid-19 Tote. In Aix-Marseille und Guadeloupe werden alle Restaurants und Bars für mindestens zwei Wochen geschlossen. Dasselbe gilt für alle öffentlichen Orte, in denen die bisherigen Schutzmassnahmen zu wenig eingehalten wurden.

Die zweithöchste Alarmstufe heisst «Alerte renforcée». Diese gilt gemäss Regierungsanweisung für Paris und seine nahe Umgebung, Lille, Toulouse, Saint-Etienne, Rennes, Rouen, Grenoble, Montpellier, Bordeaux, Lyon et Nice. Damit ist die Mehrzahl der grossen Städte betroffen. In den Alerte renforcée Orten werden alle Bars ab 22 Uhr geschlossen. Versammlungen von mehr als 10 Personen in der Öffentlichkeit, also Plätze, Parks, Strände sind verboten, ebenfalls alle lokalen oder studentischen Feste.

Das grosse Rätsel

Ein grosses Rätsel bleibt: Warum steigt in Frankreich die Zahl der positiven COVID-19 Fälle ungebremst, obwohl die Maskendisziplin immer noch gross ist und und in jedem Laden Desinfektionsmittel vorhanden und das Maskentragen obligatorisch sind, genauso wie in Italien. Während Italien als Musterknabe nach der Katastrophe gilt, wird Frankreich zunehmend zu einer roten Zone.

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