- Unklare Lage in der 1. Front
- Erfolge in der 2. und 3. Front
- Illusionen über Putins Ende
- Russische Grossmacht-Fantasie
- US-Sanktionen kommen voran
ÜBER DIE WAHRE LAGE
Ich wurde letzthin gefragt, weshalb in «Ukraine Aktuell» relativ selten Berichte über die Kampfzone – die 1. FRONT – erscheinen. Hier meine Erklärung:
Es ist relativ einfach, die Angriffe der ukrainischen Armee gegen die Logistik in der 2. FRONT (besetzte Krim, angrenzende Meere, besetzte Südzone der Ukraine hinter der Kampflinie und grenznahe russische Regionen) zu beschreiben. Hier erreicht die ukrainische Armee mit ihren Drohnenarmeen in den letzten drei Monaten wesentliche Erfolge.
Nicht sehr schwierig ist es auch, die Fernangriffe der ukrainischen Drohnen in der 3. FRONT (tief im russischen Hinterland) aufzulisten. Hier werden die Distanzen für die Drohnen immer grösser, erreichen unterdessen problemlos 2’000 Kilometer und die Schäden sind verheerend. Dies gilt sowohl kurzfristig – wie bei der Benzinknappheit – wie auch mittelfristig zum Beispiel beim Thema Landwirtschaft oder der Versorgung der russischen Waffenindustrie mit Basissubstanzen.
Viel schwieriger ist es aber, die effektive Lage in der 1. FRONT der unmittelbaren Kampfzone wahrheitsgetreu einzuschätzen. Hier ist die Quellenlage schwierig:
- Das russische Militär lügt in den meisten Fällen. Die russischen Generäle scheuen sich nicht, die Einnahme derselben einzelnen Dörfer innert 50 Tagen zehn Mal zu erwähnen.
- Nicht sehr hilfreich ist hier auch der ukrainische Generalstab. Er meldet zwar täglich und detailliert jeden Angriff der russischen Truppen und deren Abwehr, berichtet aber selten über ukrainische Vorstösse und Erfolge, die es auch gibt.
- Wenig hilfreich sind auch jene deutschen Militärblogger, die auf der Basis von Drohnenaufnahmen Karten zeichnen. Zu oft werden sie von sogenannten «Fahnenerfolgen» in die Irre geführt, also von Aufnahmen, in denen ein russischer Soldat irgendwo eine Fahne einsteckt und dies als Erfolg vermeldet.
Als verlässliche Quellen haben sich das amerikanische «Institute for the Study of War» (ISW) und die ukrainischen Analysten von «Deep State» herausgestellt. Diese beiden Quellen versuchen ohne Scheuklappen die Lage darzustellen. Interessant sind auch die Berichte von Frontkommandanten sowie teilweise von Kriegsbloggern – auch von russischen.
Insgesamt kann festgestellt werden, dass die russischen Truppen im ersten Halbjahr 2026 kaum Gebietsgewinne erzielen konnten. An der gesamten 1’100 Kilometer langen Front ist die Lage insgesamt stabil und nur an einzelnen Orten sehr dynamisch.
Im Osten hält der Verteidigungsgürtel der ukrainischen Armee den hunderten von Angriffen stand. Lediglich bei der kleinen Industriestadt Kostjantyniwka im Donezk ist die Lage für die ukrainischen Verteidiger schwierig, obwohl sie weiterhin die grösste Fläche unter Kontrolle hat. Entgegen den Behauptungen des Kremls und Putins.
Im Süden melden die ukrainischen Kräfte einzelne Vorstösse, die vor allem wegen der schwachen Versorgung der russischen Front möglich sind. Aber auch hier ändern sich die Positionen täglich und nur die Zahl der getöteten und verwundeten Soldaten steigt kontinuierlich.
Ich werde also auch künftig Informationen verbreiten, die verlässlich sind. Bei der 2. und 3. Front wird dies in einer höheren Kadenz erfolgen, als in der 1. Front.

NEIN ZU TRÄUMEN
Leonid Wolkow ist ein im Exil lebender Russe und Direktor der «Anti-Korruptionsstiftung» des von Moskau ermordeten Oppositionellen Alexei Navalny.
Sein Ruf ist umstritten, seit er die Ukrainer als «Nazis» beschimpft hatte und massive Kritik an der Führung in Kyiv übte. Kritiker von Volkow werfen ihm vor, dass er auch im Exil in einer Blase von «grossrussischen Träumen» lebe.
Trotzdem ist Volkows Stimme als Teil des Navalny-Netzwerkes wichtig. Aus diesem Grund veröffentlichte ich hier seinem letzten Text mit dem Titel: «Das Pendel».
«Ich beobachte eine Welle von Veröffentlichungen in westlichen Medien, von angesehenen Analysten und so weiter: „Putin ist am Ende, Russland geht das Geld und die Menschen aus, Zusammenbruch der Wirtschaft und an den Fronten …“ Und so weiter.
Das Problem ist folgendes: Genau dieselben Medien und Analysten schrieben vor einem Jahr: „Zelenskyj ist am Ende, der Ukraine gehen das Geld und die Menschen aus, Zusammenbruch der Wirtschaft und an den Fronten …“ Und so weiter.
Damals stimmte das nicht. Warum also scheint es so vielen jetzt, als sei es dieses Mal wahr?
Für Putin läuft es tatsächlich schlecht. (Und das ist hervorragend.) Die Krim wird zunehmend zu einer Insel; „Hornet“-Drohnen legen die Logistik im „mittleren Hinterland“ lahm, während „Flamingo“-Raketen russische Ölraffinerien treffen. Vor dem Hintergrund von Benzinknappheit und Ausfällen bei Telegram bröckeln die Umfragewerte der Regierungspartei – und das drei Monate vor den Wahlen. Das Haushaltsdefizit hat in der Tat längst alle Jahrespläne überschritten, und es gibt wirklich nirgendwo mehr, wo man sich Geld leihen könnte.
All das ist sehr, sehr gut. Aber leider ist es noch weit vom Zusammenbruch entfernt. Putin kontrolliert nach wie vor eine gewaltige Atommacht durch eine brutale Unterdrückungs- und Propagandamaschinerie, verfügt über nahezu unbegrenzte Kapazitäten, Menschen zu Kanonenfutter zu machen, und die russischen Streitkräfte rücken, ungeachtet monströser Verluste, auf den Ballungsraum Slowjansk-Kramatorsk vor.
Putin hat es derzeit sehr schwer, aber in viereinhalb Jahren Krieg gab es schon schwierigere Zeiten (man denke an September–Oktober 2022), und er hat sie überstanden.
Das bedeutet nicht, dass er es auch dieses Mal überstehen wird. Es muss alles getan werden, um sicherzustellen, dass er untergeht. Aber überhebliche Haltungen – „Das war’s, die Ukraine hat bereits gewonnen!“ – helfen überhaupt nicht; sie stehen nur im Weg.
Woher kommen sie? Nun, natürlich aus der Logik des Nachrichtenzyklus. Aus der Jagd nach Klicks, nach guten Nachrichten, nach Sensationen. Es ist ein zermürbender, langwieriger, kräftezehrender Krieg, und das Pendel schwingt natürlich mal in die eine, mal in die andere Richtung.
Es gibt ein technologisches Wettrüsten: Wenn es heute noch keine Abwehr gegen Hornet-Drohnen gibt, heisst das nicht, dass es morgen keine geben wird – genauso wie es sie mittlerweile gegen Glasfaser-Drohnen, Bayraktars und andere vermeintliche Wunderwaffen gibt, die angeblich den Kriegsverlauf komplett verändern können; nein, für jede Waffe entsteht nach und nach eine Gegenmassnahme – und dann tauchen neue Waffen auf. Daher rühren diese Schwankungen des Pendels.
Das ist ganz natürlich, aber die Medien machen aus jedem 55:45 ein 99:1 und vergessen dabei, dass sie vor sechs Monaten aus einem 45:55 buchstäblich ein 1:99 gemacht haben. Das verwirrt die Menschen, lenkt von methodischer Arbeit ab, weckt überhöhte Erwartungen und führt zu Krisen enttäuschter Hoffnungen und verhindert den Blick auf das große Ganze.
Das grosse Ganze bleibt unverändert. Es ist ein Zermürbungskrieg. Es wird keinen Sieger geben, nur einen Verlierer: denjenigen, dessen wirtschaftliches, politisches und soziales System als Erstes zusammenbricht, der die Kriegswirtschaft nicht aufrechterhalten kann und nicht in der Lage ist, interne (nicht externe) Herausforderungen und Probleme zu bewältigen.
Der Zusammenbruch des Putinismus aufgrund seiner Unfähigkeit, innenpolitische Herausforderungen zu bewältigen – ähnlich wie im Februar 1917 in Russland oder beim Sturz des faschistischen Regimes in Griechenland im Jahr 1974 – ist das eigentliche Szenario, auf das alle Anstrengungen ausgerichtet sein müssen.»
https://x.com/leonidvolkov/status/2071256628641374235; https://ukraineaktuell.com/ukraine-aktuell-nr-1417-9-1-2026-9uhr/

RUSSISCHE FANTASIE
Nikolai Patrushew gilt als möglicher Nachfolger Putins, in den manche westliche Beobachter Hoffnungen setzen. Der ehemalige Sekretär des russischen Sicherheitsrates und derzeitiger Chefberater von Putin dürfte sich allerdings kaum als «Hoffnungsträger» eignen. Zumindest sind Zweifel nach seiner neuesten Erklärung erlaubt.
Bei einem gemeinsamen Treffen mit Putin, Ministerpräsident Michail Mischustin, dem Sekretär des Sicherheitsrates Sergej Schoigu, Verteidigungsminister Andrej Belousow und weiteren führenden Kreml-Politikern, sagte Patrushev, dass die «Grösse Russlands» eine unbezwingbare Tatsache sei. So habe sich Russland unter der Führung von Putin zur viertgrössten Volkswirtschaft der Welt erhoben. (Tatsächlich bewegt sich die Wirtschaftskraft – das Bruttoinlandprodukt BIP – Russlands auf der Ebene Italiens oder Kanadas).
Der OSINT-Analyst «NStrike» schreibt: «Ironischerweise ist Patrushev unbeabsichtigt auf eine absolute Wahrheit gestossen: Ohne das giftige Erbe seiner Sicherheitselite und des „Bunker-Opas“ würde Russland heute tatsächlich ganz anders aussehen. Hätte der Kreml die Nation nicht von einer geopolitischen Klippe gestürzt, wäre Russland heute ein normaler, stabiler Staat, der in die globalen Märkte integriert ist – völlig frei von verheerenden westlichen Sanktionen, ungestrafter internationaler Isolation und einer lähmenden inländischen Kraftstoffkrise, die die Bevölkerung dazu zwingt, in qualvollen Schlangen an den Tankstellen zu warten.»
https://x.com/nstrike1231/status/2075661371958571224; https://tass.com/ https://x.com/nexta_tv/status/2075615466769338685

AMERIKANISCHER ERFOLG
Seit mehr als einem Jahr versuchen die beiden Senatoren Lindsey Graham (Republikaner) und Richard Blumenthal (Demokraten) ein Gesetz voranzubringen, das den Druck auf Russland massiv erhöht. Gemäss dem Gesetz müssten Länder, die von Russland «Erdöl, Gas, Uran und andere Produkte kaufen» einen Zollaufschlag von 500% zahlen. Der Vorschlag wird von 81 der 100 US-Senatoren unterstützt, schrieben die Politiker erstmals im Mai 2025 in einer gemeinsamen Erklärung.
Trotz der parlamentarischen Unterstützung blockierte die Trump Regierung das. Nun melden Graham und Blumenthal einen Erfolg:
«Wir sind stolz darauf bekannt zu geben, dass wir mit der Trump-Regierung eine Einigung erzielt haben, um unsere überarbeitete Gesetzgebung zu Russland-Sanktionen voranzubringen. Wir freuen uns sehr über diesen bedeutenden Fortschritt und erwarten, den Gesetzentwurf schon sehr bald vorzulegen. Angesichts der Tatsache, dass Russland seine Tötung von Zivilisten weiter intensiviert, ist es zwingend erforderlich, dass die Legislative und die Exekutive zusammenarbeiten, um Instrumente zu schaffen, mit denen diejenigen einen hohen Preis zahlen, die russisches Öl und Erdgas kaufen und damit Putins Kriegsmaschinerie finanzieren.»
https://ukraineaktuell.com/ukraine-aktuell-nr-1185-22-5-25-22uhr/; https://x.com/igorsushko/status/2075651668155511074



