- Der 3 Frontenkrieg der Ukraine
- Persönliche Kriegseinschätzung
DAS KONZEPT DER 3 FRONTEN
Als Beobachter der ukrainischen Drohneneinsätze erkenne ich drei Kampfzonen oder Fronten, die sich hinsichtlich ihres Wirkungsraums und ihrer Funktion unterscheiden.
Ich zeige dies auf und hoffe, dass damit das Kriegsgeschehen und die unterschiedlichen Einsatzarten besser verständlich werden.
Was ich hier beschreibe, findet sich meines Wissens in keinem Lehrbuch und ich habe bisher auch nichts Vergleichbares gelesen. Es ist das Ergebnis eines sich völlig neu entwickelnden Krieges und meiner bisher vierjährigen Beobachtung.
Die 1. Front ist die unmittelbare Kampfzone, wobei dieser Begriff sich heute stark vom klassischen Verständnis unterscheidet. In den beiden Weltkriegen – insbesondere im Ersten Weltkrieg rund um Verdun – war eine Front ein geographisch eng umschriebener Raum. Die Soldaten von zwei Armeen standen sich praktisch Auge in Auge oder zumindest in Hörweite gegenüber, in Schützengräben oder Bunkern.
Im Krieg Russlands gegen die Ukraine ist die 1. Front heute ein sich über 1’100 Kilometer erstreckender Streifen, der zum Teil bis zu 30 Kilometer breit ist. Innerhalb dieser 30-km-Todeszone, beherrschen die Drohnen beider Seiten den Himmel und damit den darunterliegenden Boden. Für Soldaten ist es praktisch unmöglich, sich unbemerkt zu bewegen. Sie versuchen das trotzdem und meistens in der Nacht, eingehüllt in wärmeabsorbierenden Decken, damit sie von den Infrarotkameras der Drohnen nicht entdeckt werden.
Auch gepanzerte Fahrzeuge kommen hier kaum noch vor, weil sie sehr leicht von Drohnen attackiert werden können oder ihre Position wird an Artilleriegeschütze übermittelt. Dagegen helfen dann auch keine fantasievolle Gitterkonstruktionen, die Panzer einhüllen.
Für die Überwachung und Kampfeinsätze der 1. Front verwendet die ukrainische Armee viele kleinere auch handelsübliche Drohnen, welche entweder mit Sprengstoff bestückt sind und den direkten Kontakt mit den Gegnern suchen oder angehängte Bomben aus relativ geringer Höhe gegen feindliche Ziele abwerfen. Solche Drohnen kosten weniger als 1’000 US-Dollar pro Stück.
Die ukrainische Drohneneinheit SBS berechnet den Erfolg aller Angriffe. Gemäss dem dort seit 11 Monaten implementierten «Management-Accounting» kostet der Verlust eines russischen Soldaten 882$. Darin enthalten sind die Ausgaben für Drohnen, Drohnenpiloten und die gesamte Organisation.
Die ukrainische Armee setzt umgekehrt immer weniger Menschen auf dem Boden ein. Einerseits weil sie nicht so viele Soldaten wie die russische Armee hat, vor allem aber, weil sie einen ganz anderen Ansatz wählt: Statt in sogenannten Fleischwolf-Angriffen ihre wertvollen Bürger zu opfern, wie das die russische Armee mit ihren nationalen Minderheiten tut, setzt sie zunehmend unbemannte Bodenfahrzeuge («Bodenroboter») ein. Diese können bewaffnet und ferngesteuert aktiv in die Kämpfe eingreifen, aber auch kämpfende Truppen mit Lebensmitteln und Munition versorgen und Verwundete evakuieren.
Insgesamt ist die 1. Front ein sehr blutiger Bereich, indem die russische Armee jeden Monat mehr als 30’000 Soldaten verliert und die ukrainische Armee nach Angaben ihrer Führung etwa ein Sechstel der russischen Verluste erleidet. Gleichzeitig ist dieser Bereich sehr dynamisch und ein dieser Woche erobertes Dort kann im nächsten Monat wieder zurückgewonnen werden.
Die 2. Front ist der für die Logistik der Kampfzone wichtige Land- und Seestreifen entlang der über 1’000 Kilometer langen 1. Front. Diese 2. Front erstreckt sich vom Donbass bis zur Halbinsel Krim und hat eine Tiefe von bis zu 150 Kilometern. Sie umfasst die von Russland derzeit besetzten ukrainischen Gebiete im Donbass (Donezk und Luhansk), die ukrainischen Gebiete in der Region Kherson und Saporischschja, das Asowsche Meer und die Krim, sowie die grenznahen russischen Regionen.
In diesen Gebieten konnte sich die russische Armee von Februar 2022 bis Januar 2026 ungehindert bewegen, denn die ukrainische Artillerie erreichte sie kaum. Alles, was 10 Kilometer hinter der Front war, blieb geschützt. Lediglich die wenigen französischen CAESAR-Geschütze in den Diensten der ukrainischen Armee konnten Ziele mit Spezialmunition in einer maximalen Entfernung von 80 Kilometern treffen.
Doch seit Anfang dieses Jahres verfügt die ukrainische Armee über ausreichend Drohnen, die aus einer Entfernung von bis zu 200 Kilometern ferngesteuert werden können. Dies ist ein entscheidender Wendepunkt («Game-Changer»). Jetzt können ukrainische «Middle-Strike» Drohnen die Zufahrtswege der russischen Versorgung erreichen und sie tun dies in wachsender Zahl. Die ukrainische Armee hat dafür spezialisierte Drohneneinheiten geschaffen, die pro Monat mehrere tausend Angriffe fliegen.
Ein Teil dieses fundamentalen Wechsels im Krieg ist die schwer überschaubare Zahl von ukrainischen Innovationen. Dazu nur drei Beispiele:
• Neuerdings kommen Drohnen zum Einsatz, die mit künstlicher Intelligenz mit KI-Komponenten ausgerüstet sind. Diese können Ziele selbstständig identifizieren und ausschalten.
• Neu ist auch, dass die Ukraine sogenannte Drohnenschwärme einsetzt. Unterdessen kann ein einzelner Drohnenpilot mehrere Dutzend Drohnen gleichzeitig steuern. Dies ist ein Vorgehen, das jede feindliche Luftabwehr überfordert.
• Und drittens werden ukrainische Drohnen nicht mehr nur zur direkten Bekämpfung von Logistik-Lastwagen und Tanklastwagen eingesetzt, sondern als Transporter für Bombenpakete. Dabei handelt es sich um Boxen («Cluster»), die zwischen ein paar Dutzend und ein paar Hundert kleine Sprengstoffkörper über Strassen entleeren. Diese Minibomben heften sich dann an vorbeifahrenden Fahrzeugen an. Die kleinen Explosionsmengen genügen, um die Fahrzeuge ausser Gefecht zu setzen und im besten Fall führen sie zu Sekundärexplosionen bei Tanklastwagen und Munitionstransportern.
Ein Teilbereich dieser 2. Front sind das Asowsche Meer und die Halbinsel Krim. Über diese Wege wurden bisher grosse Materialmengen nicht nur für die Front, sondern auch für die sich illegal auf der Krim aufhaltenden Russen transportiert. Seit die Strassen- und Eisenbahnbrücken zwischen dem ukrainischen Festland und der Krim immer wieder zerstört werden, gibt es in Richtung Krim aber auch aus der Krim in Richtung Front deutlich weniger Transporte. Die Folgen sind ein Mangel an Treibstoff und Lebensmitteln auf der Krim und eine reduzierte Versorgung der 1. Front von der Krim aus.
Damit die 2. Front zu einem entscheidenden Faktor für den Ausgang des Krieges werden konnte, brauchte es eine rund 12 Monate lange Vorbereitungszeit. In dieser Phase wurde insbesondere die Luftverteidigung der russischen Armee dezimiert. Mehrere hundert Abwehrstellungen konnten stillgelegt werden. Die Folge ist, dass die ukrainischen Drohnen in diesem Kampfabschnitt zunehmend ungefährdet operieren können. Und nun können neben den Logistikrouten auch die Abschussbasen für russische Drohnen angegriffen werden, die sich in diesem Landstreifen befinden und zum Töten von ukrainischen Zivilisten beitragen.
Die 3. Front ist der von der internationalen und russischen Öffentlichkeit als spektakulär wahrgenommene Wirkungsbereich. Es handelt sich um eine Kampfzone, die etwa 300 Kilometer hinter der vordersten Frontlinie beginnt und aktuell bis 2’000 Kilometer tief ins russische Hinterland reicht.
In diesem Bereich befinden sich Flughäfen der strategischen Luftwaffe der russischen Armee wie «Engels-2», die Exporthäfen für russisches Öl an der Ostsee und am Schwarzen Meer und die beiden symbolisch wichtigen Städte St. Petersburg und Moskau.
Im Bereich zwischen der zweiten Front und Moskau befindet sich auch die Mehrzahl der russischen Ölraffinerien. Seit Ende 2025 wurde ein Grossteil der zehn grössten Raffinerien ausgeschaltet. Zeitweise brach die russische Erdölverarbeitung gemäss internationalen Experten um bis zu 40% ein. Eine zusätzliche Sanktionsmassnahme der Ukraine sind Angriffe auf Tanker der russischen Schattenflotte zum Teil vor der türkischen Küste, zum Teil im Mittelmeer.
Eine erste Folge der Angriffe auf Raffinerien, Exporthäfen und Schiffe ist, dass der Verkauf von russischem Erdöl und seiner Produkte auf internationaler Ebene eingeschränkt wird und damit dem russischen Staatshaushalt Geld für die Kriegsführung entzogen wird. Weil der Kreml aber gleichzeitig sein Kriegsbudget hochtreibt, muss sie sich das Geld auf andere Weise beschaffen und das trifft die ohnehin geschwächte russische Wirtschaft..
Eine zweite Folge ist, dass die Versorgung mit Benzin und Diesel in der Russischen Föderation selbst schwierig wird. Das hat einerseits unangenehme unmittelbare Folgen für russische Automobilisten wie steigende Preise oder Treibstoffknappheit. Mittelfristig werden sich die ukrainischen Angriffe auch auf die Ernten auswirken, wenn der Treibstoff für die Landwirtschaftsmaschinen fehlt.
Die Angriffe in der dritten Front erstrecken sich zunehmend auf die riesigen Gebiete hinter Moskau und St. Petersburg. In diesem Bereich zwischen 1’000 und 1’800 Kilometer Entfernung von der Front zielt die ukrainische Armee vor allem auf die Basis-Industrie der russischen Wirtschaft. Dazu gehören die Erdgaspipelines aus Sibirien in Richtung Westrussland, sowie Betriebe der Grundstoffchemie, die Vorprodukte für Sprengstoffe und Dünger produzieren. Der Ausfall dieser Chemikalien wirkt sich nicht innert Wochen für den Angriffskrieg gegen die Ukraine aus, hat aber eine nachhaltige Wirkung.
Ein strategisch wichtiger Industriekomplex ist jener von Alabuga, 2’300 Kilometer von Kyiv entfernt. Dort baut die russische Militärwirtschaft die iranisch-russischen Shahed-Drohnen zusammen. Mehrfach versuchten ukrainische Drohnen in die Gegend vorzustossen, wurden aber in der mit vielen Luftabwehrgeschützen geschützten Zone abgewehrt.
Dass es aber nicht unmöglich ist, auch einen mehrschichtigen Luftabwehrring zu durchbrechen zeigte in der vergangenen Woche (18. Juni 2026) der Angriff auf das Moskauer Ölwerk «Kapotnya» und am Anfang dieser Woche hatte Volodymyr Zelenskyj angekündigt, dass ukrainische Drohnen neuerdings bis 3’000 km weit fliegen können.
(Umfassende Zitierung mit Verweis auf Quelle erlaubt).



