- Das grosse Zittern in Russland (2/3)
- In Tuapse fällt schwarzer Regen
- Kommunisten befürchten Revolution
- Krise der Stahl- und Elektronikindustrie
- 35 Millionen Russen ohne Toiletten
- Proteste via Selfie-Videos verbreitet
- Zwischen Verzweiflung und Ausreise
- Ukrainer nehmen Proteste nicht ernst
GROSSES ZITTERN IN RUSSLAND – Teil 2
In diesem und kommenden Newslettern lege ich den Fokus auf die vielen Meldungen aus russischen Quellen, die eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Kreml zeigen. Es sind einerseits Wirtschaftsführer, die sich grosse Sorgen wegen der Krise machen (Siehe Ukraine Aktuell Nr. 1515).
Es sind andererseits junge Leute, die jahrelang nicht aufmuckten und den brutalen Krieg gegen die Ukraine akzeptierten, aber nun rebellieren, weil sie Telegram und Webseiten nicht mehr frei konsumieren können oder ukrainische Drohnen über ihren Köpfen fliegen sehen. Und es sind drittens die Militärblogger, die vier Jahre lang die Kriegstrommel gerührt haben und nun realisieren, dass sie auf das falsche Pferd gesetzt hatten.
Heute als Schwerpunkt die Krise in Russland und der Protest junger Russinnen und Russen. Aber auch eine Relativierung dieses Protests aus ukrainischer Sicht.
SCHWARZER TUAPSE-REGEN
Seit vier Tagen brennen die Tanks der Ölraffinerie und Lagerstation im südrussischen Tuapse. 270 Feuerwehrleute versuchen die Brände nach einem ukrainischen Drohnenangriff zu löschen. Die Luft ist gesättigt mit Rauchpartikeln, die als schwarzer Regen auf die Gegend und Menschen fallen. Videos zeigen Menschen mit Dreckkrümeln auf ihrer Haut und in ihren Haaren und schwarzen Schlamm in den Strassen. Es wurden zwei- bis dreimal höhere Konzentrationen von Benzol, Xylol und Russ in der Luft festgestellt. Die Behörden empfehlen, weniger draussen zu sein, die Fenster nicht zu öffnen und Masken zu verwenden.
Russische Telegramkanäle bezeichnen Tuapse als das «neue Tschernobyl» (In Tschernobyl gab es 1986 die bisher grösste Nuklearkatastrophe eines zivil genutzten Atomkraftwerks).
Einer der Blogger schreibt: «Die Stadt Tuapse existiert nicht mehr. Er wurde zerstört. Er ist am Boden zerstört Die Erde dort ist vergiftet, das Wasser ist vergiftet und die Luft ist vergiftet. Derzeit regnet es schwarz, wie in Hiroshima – Wasser gemischt mit einem Ölschlamm.»
Ein anderer Blogger meldet: «In Tuapse findet eine Umweltkatastrophe statt! Man kann wegen des Rauchs und der Verbrennungsprodukte aus der Raffinerie nicht atmen! Auf der Strasse regnet es Schweröl, streunende Tiere sind alle in Schweröl, es ist furchtbar, auf die Strasse zu gehen!»
Ergänzt werden diese Beschreibungen mit Kritik an den lokalen und nationalen Behörden, die behaupten, dass alles unter Kontrolle und die Fortschritte an der Front gross seien.
https://t.me/exilenova_plus/19229; https://www.facebook.com/domagoj.franic.3/posts/pfbid0Y6pAvxmQxQsdGFhq65hWucZ4fVGCer6WEz5VHkoG4NczFiZiWV4GVYWET3MQULBal; https://t.me/iistrelkov; https://t.me/dozorwar/18169
ANGST VOR EINER REVOLUTION
Gennadi Sjuganow ist Vorsitzender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands, also ein Nachfolger von Lenin und Stalin und loyal gegenüber Putin. Ausserdem ist er als Chef der zweitgrössten russischen Partei Mitglied der «Duma», dem sogenannten russischen Parlament.
In seiner Rede in der Duma warf Sjuganow dem Kreml-Regime vor, lieber auf Influencer aus Monaco zu hören als auf die Sorgen im eigenen Land. Während Probleme in Regionen wie Dagestan oder Tschetschenien ignoriert werden, reagiere der Kreml sofort auf Social-Media-Stars, sagte der kommunistische Parteivorsitzende. Sjuganow richtete seine Warnung an die anwesenden Politiker:
«Wir haben es euch zehnmal gesagt: Die Wirtschaft wird zusammenbrechen, das ist unvermeidlich. Das gesamte erste Quartal ist in den Keller gerutscht. Wenn ihr nicht dringend finanzielle, wirtschaftliche und andere Maßnahmen ergreift, dann erwartet uns bis zum Herbst das, was 1917 geschah.»
Zur Erinnerung: Im Herbst 1917 steckte das damals von Zar Nikolaus II. geleitete Russland im 1. Weltkrieg fest und die «Oktoberrevolution» von Lenins Kommunistischer Partei beendete die Herrschaft der damaligen Kremlführung.
https://x.com/i/status/2046865324746649736; https://x.com/i/status/2046657079101047202; https://x.com/i/status/2046939224734089573

KRISE DER STAHLINDUSTRIE
Der russische Stahlgigant Severstal meldete einen fast 100-prozentigen Gewinnrückgang für das erste Quartal 2026. Vor einem Jahr machte die Firma von Januar bis März noch einen Gewinn von 21,1 Milliarden Rubel. Seit Anfang dieses Jahres fiel der Gewinn auf 57 Millionen Rubel, was rund 760’000 $ entspricht. Als Grund für diese Entwicklung nannte das Unternehmen einen Rückgang der Stahlnachfrage in Russland um 15 %.
Die Barreserven sanken um 96 Prozent, während sich der negative Cashflow weiter vergrösserte, was auf eine sich verschärfende Krise im gesamten russischen Stahlsektor hindeutet.
Das Unternehmen gab bekannt, dass der Vorstand angesichts der schwachen Stahlnachfrage und eines negativen freien Cashflows empfohlen hat, für das erste Quartal keine Dividende auszuschütten.
https://x.com/NOELreports/status/2046837331848507431; https://ch.marketscreener.com/boerse-nachrichten/russischer-stahlproduzent-severstal-meldet-gewinneinbruch-von-fast-100-im-ersten-quartal-ce7f59dad18df024
ELEKTRONIK IN DER KRISE
Russlands grösster Mikroelektronikhersteller «Element» hat einen drastischen Verlust verzeichnet. Im Jahr 2025 meldete das Unternehmen einen Nettoverlust von 22 Mio. US-Dollar, verglichen mit einem Gewinn von 90 Mio. US-Dollar im Vorjahr.
Der Umsatz sank um 12 %, während das Kerngeschäftsfeld Elektronik aufgrund nachlassender industrieller Nachfrage, verschärfter Finanzierungsbedingungen und Sanktionsdruck um 29 % zurückging.
Die Bonuszahlungen für Führungskräfte wurden auf einen Bruchteil gekürzt.
Nach Angaben des ehemaligen ukrainischen Zentralbankchefs Kyrylo Shevchenko ist der russische Elektronikmarkt seit Anfang 2026 bereits um etwa 15 % geschrumpft. Dies spiegelt einen breiteren makroökonomischen Trend wider: Über 17’000 Unternehmen in Russland meldeten Verluste, 74 Regionen verzeichnen Haushaltsdefizite und rund 300 Firmen bereiten sich auf die Schliessung vor. Mehrere Sektoren, darunter der Einzelhandel und das verarbeitende Gewerbe, schrumpfen gleichzeitig. https://twitter.com/kshevchenkoreal/status/2045593709497188666

DAS ARME RUSSLAND
Andrij Melnyk, Ständiger Vertreter der Ukraine bei den Vereinten Nationen, nannte ein paar Fakten, die das grosse Russland ganz klein und unterentwickelt erscheinen lassen:
«Einerseits fordert Russland die Anerkennung als „grosse Supermacht“ und beansprucht das Recht, Staatsgrenzen mit Gewalt neu zu ziehen und einen neuen Einflussbereich durchzusetzen. Andererseits sind jedoch rund 35 Millionen russische Bürger nach wie vor auf Aussentoiletten angewiesen – schäbige Holzhütten in Höfen und Gärten.»
«Putin hat während seiner 26-jährigen Herrschaft seine Bevölkerung praktisch im Stich gelassen, von der viele immer noch mit den grundlegendsten sanitären Standards zu kämpfen haben. Offiziellen statistischen Daten zufolge hat ein Viertel der russischen Haushalte keinen Zugang zu einer zentralen Kanalisation oder sanitären Einrichtungen im Haus.
In ländlichen Gebieten ist die Lage noch gravierender: In einigen Regionen sind bis zu zwei Drittel der Haushalte auf Latrinen im Freien angewiesen.»
«Das ist das wahre Paradoxon, mit dem wir es zu tun haben: Putin strebt imperiale Expansion im Ausland an, während er es versäumt, die grundlegende Menschenwürde im eigenen Land zu gewährleisten.»
https://x.com/Gerashchenko_en/status/2046522279710925093 , Reisevideo: https://www.reddit.com/r/MisterBald/comments/s4kisa/avoid_this_soviet_exclave/

STIMMEN DES PROTESTS
Der russische Schauspieler Nikita Kukushkin sagt in einem veröffentlichten Video, Putin habe 26 Jahre lang ein kaputtes System geschaffen, und bezeichnete den Beginn der «gross angelegten Invasion» gegen die Ukraine als «die grösste Tragödie in der Geschichte des modernen Russlands».
Kukushkin reagierte negativ auf die Aussage, dass der «Zar Putin» nicht wisse, was wirklich los sei: «Seien wir ehrlich: Putin ist seit 26 Jahren an der Macht. Wenn die Wahrheit jahrzehntelang nicht zu ihm durchdringt, ist das kein Fehler, sondern ein System.» https://twitter.com/i/status/2046909768715870640
Eine namentlich nicht bekannte Frau beklagt sich in einem Selfie-Video, aufgenommen in ihrem Auto: «Novosibirsk ist ein Albtraum», sagt sie und zeigt auf eine mit Schnee und Schlaglöchern bedeckte Strasse. Es sei unmöglich auf dieser Strasse voranzukommen. https://twitter.com/i/status/2046290299551379815

Eine weitere namentlich nicht bekannte Russin weint und schreit in einem Selfie-Video, dass sie gerne in Krasnodar gelebt hätte aber: «Ich, verdammt, wollte mit meinem Kind am Meer leben. Das Meer ist total mit diesem Heizöl verschmutzt. Alles ist ruiniert. Diese verfluchten Drohnen fliegen rum. Was soll ich hier überhaupt?!» https://twitter.com/i/status/2045947572548722985
Eine junge Frau beklagt sich in einem Selfie-Video über die Einschränkungen im Bereich Internet und die erschwerten Lebensbedingungen (Zum Krieg gegen die Ukraine sagt sie nichts). Die Frau sagt: «Ich kann nicht mehr in diesem Land leben. Es ist unmöglich hier zu bleiben. Alle meine Träume lösen sich in Luft auf. Ich habe einen Nervenzusammenbruch. (…) Ich verstehe nicht, warum alle so still sind. Alle leiden, alle fühlen sich schlecht, aber alle sind still. Warum sind alle so still?!» https://twitter.com/P_Kallioniemi/status/2046486552050626922

«RUSSLAND IST EIN KREBS»
Die ukrainische Plattform «Exilenova Plus» arbeitet eng mit Einheiten der ukrainischen Armee zusammen und hat immer wieder exklusives Videomaterial von gelungenen Einsätzen. Neuerdings werden auf der Plattform auch viele Videos aus Russland veröffentlicht, auf denen sich Russen über die Zustände im Land beklagen, auf Angriffe der Ukrainer hinweisen und eine andere Sicht, als die des Kremls zeigen. Dazu gehören auch Videos, in denen sich Russen und Russinnen über den Krieg beklagen und Frieden mit der Ukraine wünschen. Bei «Exilenova Plus» kommt das schlecht an. Hier der Ausschnitt aus einem aktuellen Text:
«Liebe Russen haben Videos aufgenommen, in denen sie sagen, dass sie nur Spielfiguren sind, dass sie nicht schuldig sind, dass sie mit uns sympathisieren und dass sie das alles nicht wollten. Und man sollte sie nicht hassen, sie sind ja… gut. Sie wollen nur Frieden, dass Einhörner auf dem Regenbogen herumrennen, und anstelle von Raketen sollen Konfetti abgefeuert werden.
Und zusammen mit Ihnen, meine Dame, sind noch 1 Million Söldner in der Ukraine im Einsatz, 2,5 Millionen reguläre Bastarde im russischen Militär, mehr als 4 Millionen Bastarde, die in der Rüstungsindustrie arbeiten. 3 Millionen Bastarde im Staatsapparat. Und noch Dutzende und Dutzende Millionen Bastarde, die den Kreml-Regime in unterschiedlichem Masse unterstützen. Und jeder. Jeder dieser Menschen verdient die Liquidierung. Denn ihr seid eine Pest, eine Seuche, die ausgerottet werden muss.
Wenn eine Krebszelle sprechen könnte, würde sie während der Therapie etwas Ähnliches sagen: Ich existiere einfach nur. Ich will dich nicht töten. Es tut mir sehr leid, dass du leidest. Ich möchte nicht, dass du stirbst.
Können Sie sich mit einer Krebszelle einigen? Können Sie erwarten, dass die Krebszelle Sie bedauert? Können Sie hoffen, dass der Krebs von selbst zurückgeht? Nein.
Die sogenannte Russische Föderation ist ein Krebs. Die wütende, wildgewordene russische Gesellschaft ist ein Krebs. Der Krebs muss ausgerottet, herausgeschnitten werden. Jede Zelle muss zerstört werden. Denn der Krebs wird nie von selbst zurückgehen.
Wenn Sie nicht mit dem Krieg einverstanden sind und Ihre Regierung nicht unterstützen – verlassen Sie das Land. Und bis dahin ist jeder von Ihnen ein stiller Komplize und Terrorist. Und es gibt keinen Grund zu jammern.»
https://t.me/exilenova_plus/19179 ;
Videos, in denen sich Russen über den Krieg beklagen: https://x.com/ChurchillFella/status/2046632628766261346; https://twitter.com/CrimeaUA1/status/2046670764779172173



