Der Journalist Maxim Glikin wurde 2021 als einer der ersten russischen Bürger vom Kreml als «ausländischer Agent» gebrandmarkt. Trotzdem macht Glikin weiter und leitet als Chefredaktor das Projekt «We Can Explain». Nun hat er einen Artikel veröffentlicht, in dem er den Angriff auf den Iran verteidigt und Kritikern an der Militäraktion widerspricht. (Ich habe den Artikel, übersetzt, gekürzt und redigiert).
«In unseren Kreisen und der Medienblase gibt es ein System von Beweisen und Rechtfertigungen, die darlegen, dass Doni und Bibi den Krieg umsonst angefangen haben und dass der alte Mann mit dem Turban nicht hätte angetastet werden dürfen. All diese Empörungen basieren oft auf zahlreichen Missverständnissen, Mythen, Vorurteilen und falsch verstandenen Informationen.
THESE 1: KHAMEINIS TOD ÄNDERT NICHTS
Eine beliebte These: Der Tod des Ayatollahs wird angeblich nichts ändern, weil irgendeine Macht, eine Partei (oder paramilitärische Gruppe), an der Macht ist und schnell einen Ersatz finden wird, sich nicht beugen, sich nicht ändern wird und die bestehende Ordnung wiederherstellen wird.
Diese Einschätzungen basieren nicht auf konkreten Erfahrungen, aber konkrete Beispiele von Kriegen und Perestroikas der letzten Jahrzehnte legen das Gegenteil nahe: Mit dem Tod oder der Flucht eines Tyrannen, sei es Hussein, Assad, Gaddafi, Karimov, Bin Laden (und davor Franco, Salazar, Stalin, Hitler – die Liste liesse sich fortsetzen), ändert sich alles dramatisch – sowohl innerhalb des Regimes als auch im Land als Ganzes.
Und es ist nicht immer der natürliche Tod des Herrschers; die Situation im Land wird auch durch äussere Einflüsse verändert (wie in vielen der oben genannten Fälle).
Und selbst wenn die regierende Partei – wie in China – an der Macht bleibt, entwickelt sich das Regime dennoch weiter.
THESE 2: IRAN IST EIN SONDERFALL
Doch der Iran sei ein Sonderfall, sagen die Gegner eines neuen Krieges – das Regime sei theokratisch und basiere auf einem bestimmten Glauben sowie einer Kaste von Dienern. Im Iran sei alles viel stärker, stabiler und komplexer.
Genau diese Botschaft – die von der Stärke und Stabilität des Regimes – haben die Ayatollahs ihren Untertanen jahrzehntelang eingetrichtert und in die Welt hinausgetragen. Doch das hat nicht immer reibungslos funktioniert – nicht ohne Blutvergiessen. Man erinnere sich nur an die vielen blutigen Niederschlagungen von Aufständen und Protesten, die wir in den letzten zehn Jahren im Iran erlebt haben.
Es gibt keinerlei Beweise, keine Beispiele dafür, dass ein vermeintlich theokratisches Regime, so tyrannisch es auch sein mag, stabiler ist als jedes andere. Es ist lediglich ein Glaubenssymbol, etwas, das man zu verankern versucht.
THESE 3: THEOKRATIE IST UNBESIEGBAR
Die jüngsten Behauptungen sprachen von einer unbesiegbaren Armee und Revolutionsgarden, einer
schlagkräftigen Luftverteidigung und einer unsinkbaren Marine. Von den US-Basen werde nichts übrigbleiben. Jeder hat inzwischen gesehen, ob das zutrifft.
Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass dieses theokratische Regime einzigartig oder anders als andere ist, in denen eine Parteielite, ein Clan oder eine Gruppe herrscht.
Ja, der Iran hat zwei Armeen und ein deutlich komplexeres System zur Ernennung der Exekutive – nun, auch die UdSSR hatte ein komplexes System, in dem die Macht bei Exekutivkomitees innerhalb der Sowjets lag, die wiederum der Partei unterstanden. Und dann geschah was in den 90er-Jahren?
THESE 4: SHIITEN SIND BESONDERS
Hinzu kommt diese Einstellung: Schiiten seien fanatisch, sie glaubten so sehr an ihren Gott und seinen Stellvertreter auf Erden, sie seien so fanatisch der Sache der Revolutionsgarden, der Basij und den alten Männer mit Turbanen ergeben, dass man sie nicht brechen, beugen usw. kann.
Wo sind denn heute diese Scharen fanatischer Anhänger des Ayatollahs, die sich der Volksmiliz anschliessen?
Wir haben andere Menschenmengen gesehen – solche, die den turbanbehangenen Tyrannen so sehr hassten, dass sie getötet werden mussten, um die Demonstrationen aufzulösen. Zehntausende.
THESE 5: VERHANDELN IST BESSER
Man sagt mir jedoch: Krieg ist immer schlimmer als Verhandlungen und Kompromisse. Hätten wir uns doch nur etwas mehr geeinigt, dann wäre all das nicht passiert. Oder vielleicht hätten wir noch drei Jahre verhandeln können.
Tatsächlich gab es in all den Jahren keinen Hinweis darauf, dass die Ayatollahs:
… angereichertes Uran abgeben wollten, dass sich zur Herstellung einer Atombombe eignet;
… bereit sind, Uran-Anreicherungs-Zentrifugen abmontieren zu lassen;
… darauf verzichten, terroristische Methoden selbst oder durch Stellvertreter gegen Israel anzuwenden.
Wo bleibt auch nur ein Hauch von Hoffnung, die Idee der Vernichtung Israels aufzugeben? Es gab genügend Zeit, einen solchen Hinweis zu hören und die Friedensbotschaft über Teheran zu verbreiten.
THESE 6: KRIEGSSTART WAR FALSCH
Noch eine Erzählung: Es gab keinen Grund, den Krieg zu beginnen. Alles ist besser als Krieg.
Halten wir hier inne und beantworten wir ehrlich eine Frage: Wer hat diesen Krieg begonnen und geführt, und wann? Mit anderen Worten:
- Wessen Raketen und wessen Stellvertreter haben im Herbst 2023 Nordisrael beschossen und unbewohnbar gemacht?
- Wer hat in den letzten Jahren bereits mehrmals hunderte von Drohnen und ballistischen Raketen direkt aus dem Iran entsandt?
- Wessen Drohnen und Raketen fliegen all die Jahre aus dem schiitischen Teil des Irak?
- Wessen Raketen wurden auf Israel abgefeuert und welche Schiffe wurden am Eingang des Roten Meeres versenkt – aus dem Jemen?
- Wer hat die Terroristen für den Einmarsch in Judäa und Samaria, Libanon und Syrien bewaffnet und ausgebildet?
Also: Wer hat das Ganze also ins Rollen gebracht?»



