UKRAINE STORYS: Ein General spricht von Verrat

Serhiy Kryvonos, ist ein General der ukrainischen Streitkräfte und für seine offenen Worte bekannt. So warnt er zum Beispiel aktuell, dass es sehr gut möglich sei, dass Russland via Weissrussland eine zweite Front eröffnen könne. Für die Verlegung der entsprechenden Truppen benötige die russische Armee nur weniger Tage.

«Die Tatsache, dass sie heute keine Ressourcen haben, bedeutet also nicht, dass sie sie morgen nicht haben werden.», sagte Kryvonos in einem Interview mit dem ukrainischen Sender «Kanal24». https://charter97.org/en/news/2022/7/29/508882/

Für Furore sorgt auch ein Interview, welches Kryvonos dem in Estland lebenden russischen Militärhistoriker Mark Solonin gegeben hat und auf Solonins Youtube-Kanal veröffentlicht wurde https://www.youtube.com/watch?v=T1XZLfzSueo .

Die ersten Teile dieses Interviews hat Volodymyr Tretyak https://twitter.com/volodyatretyak übersetzt.

FRAGE VON MARK SOLONIN: Generell scheint es den Bürgern, dass die militärische Führung des Landes, grob gesagt, den Beginn des Krieges verschlafen hat. Ist das falsch oder was?

GENERAL KRYVONOS: Halten wir fest: Die militärisch-politische Führung des Landes hat den Anfang verschlafen. Die Militärs wussten ganz genau, dass es einen russischen Angriff geben würde, und zwar innerhalb von zwei bis drei Tagen und mit konkreten Zeitangaben.

Aber erst 72 Stunden vor Kriegsbeginn gab es eine 100%ige Sicherheit, dass es zu einem Krieg kommen würde. Plus-minus, wobei man wusste, in welche Richtung die Offensive gehen würde. Sie haben also völlig Recht. Nun: Hat man es verschlafen, oder hat man so getan, als hätte man die Offensive verschlafen?

Das ist die Frage. Ich denke, das wird Ihnen irgendwann jemand anderes sagen müssen. Warum haben sie auf die Warnungen nicht nur der westlichen Partner überhaupt nicht reagiert? Die westlichen Partner haben uns seit dem Herbst 2021 gewarnt.

Im Frühjahr 2020 habe ich gesagt, von wo und wie die Russen angreifen würden. Und im Prinzip stimmte das alles zu 100 % überein, wie die Offensive kommen würde, nannte konkret die Ziele, an denen die russischen Truppen interessiert sein würden.

Und unsere Kollegen aus den westlichen Ländern haben es uns noch deutlicher gesagt. Im Januar kamen einige sehr hochrangige Amerikaner, die uns direkt auf den Karten sagten, was passieren würde und wie.

Aber die politische Führung sagte, dies seien alles Lügen, Unsinn und Provokationen. Und warum? Nun, weil die pro-russischen Agenten wahrscheinlich im Büro des Präsidenten sitzen.

Es gibt keine andere Möglichkeit, das zu rechtfertigen. Zu sagen, dass sie es nicht wussten. Das ist eine glatte Lüge.

Die ukrainischen und ausländischen Geheimdienste haben die Führung oft und offiziell über die russische Offensive informiert.

INTERVIEWER: Es ist eine Sache, eine militärische Analyse von einem Fachmann zu erhalten, und es ist eine andere Sache, zu wissen, dass solche Pläne in der Zentrale in Moskau geschrieben werden. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, handelte es sich um eine konkrete Information über das Vorgehen des russischen Kommandos.

GENERAL KRYVONOS: Ja, natürlich. Und wir haben Informanten.

INTERVIEWER: Nun, ich frage nicht nach den Nachnamen.

GENERAL KRYVONOS: Klar, aber wir haben keinen vergessen. Und es gab auch die Beispiele, wenn Offiziere des russischen Generalstabs, Generäle des russischen Generalstabs ihre Klassenkameraden, Freunde und Brüder, die hier dienten, anriefen und warnten, dass Russland in 24 Stunden angreifen würde.

Sie sagten zum Beispiel: «Und in 72 Stunden werden wir angreifen». Aber darauf gab es einfach keine Reaktion. Die Leute, die die Information von uns bekamen, meldeten sich sofort nach oben und sagten: «Keine Panik, erzählt keine Geschichten, alles wird gut.»

INTERVIEWER: Schrecklich. Ich habe von vielen Leuten, deren Namen ich nicht nennen darf, gehört, dass die ukrainische Luftwaffe zerstreut wurde und am Vorabend der Angriffe auf zuvor vorbereitete Flugplätze verlegt wurde usw.

Das hatte zur Folge, dass das, was nach den russischen Plänen ein Kommando, ein erster vernichtender Schlag gegen die ukrainische Luftfahrt hätte sein sollen, über fast leere Plätze ging. Warum haben wir nichts davon bemerkt, wenn das der Fall ist?

Soweit ich mich erinnere, gab es in der Nacht zum 24.02. auch keinen Einsatz ukrainischer Bodentruppen. Oder habe ich etwas nicht gesehen, das ich nicht sehen sollte?

GENERAL KRYVONOS: Nun, wahrscheinlich die zweite Möglichkeit. Sie haben die Aktionen bestimmter Militärangehöriger nicht gesehen. Man muss der Luftwaffenführung zugutehalten, dass sie ungeachtet aller Fragen klar reagiert hat.

Und um sich zu zerstreuen, bewegten sich Flugzeuge und Hubschrauber sogar innerhalb ihrer Flugplätze. Und im Prinzip wurden die russischen Raketen in den ersten 24 Stunden sehr oft ausgetrickst. Das Gleiche galt für die Bodentruppen. Es gab aber auch negative Beispiele: So hat der Befehlshaber der Spezialeinheiten trotz der Forderungen und Bitten seiner Untergebenen nicht beschlossen, den Stützpunkt zu verlegen. Am Morgen des 24.Februar schlugen russische Raketen im Kommandogebäude der Spezialeinheiten ein. Es gab Verletzte; obwohl es zuvor Warnungen gab, wurde nicht reagiert.

Es ist eine elementare Unprofessionalität und eine elementare Sache, dass eine Person nicht in der Lage war oder Angst hatte, die Entscheidung zu treffen.

Leider kam es vor, dass bei der Zusammenstellung des Führungspersonals in bestimmten Bereichen der Streitkräfte, insbesondere in den letzten zwei Jahren, Personen ausgewählt wurden, die schweigen, sich für etwas Persönliches einsetzen oder eine eigene Meinung sehr gross schätzen.

INTERVIEWER: Die folgende Frage wurde schon oft diskutiert, aber ich muss sie stellen, weil sie jeden interessiert. Wobei, «Interesse» ist nicht das richtige Wort, es geht um eine ernsthafte Besorgnis: In den ersten drei Tagen hat der Feind im Süden 400 Kilometer von Perekop über Melitopol, Berdjansk und Mariupol zurückgelegt, wenn man auf der Karte in gerader Linie misst. Eine solche Entfernung in drei Tagen ist ein Gewaltmarsch. Das ist keine Offensive, aber es ist ein Gewaltmarsch. Ich habe eine einfache Frage. Ich erwarte keine lange Antwort. Kann es eine andere Erklärung für einen solchen Marsch geben als kriminelle Fahrlässigkeit?

GENERAL KRYVONOS: Das ist keine Fahrlässigkeit, das ist Verrat. Die Frage ist: Wer hat den Befehl zur Entschärfung der Brücken auf der Krim gegeben? Das ist die Frage, die jeden beunruhigt. Und die Geschichten, dass der ukrainische Sicherheitsdienst (SBU) involviert war, nun ja… das Militär lacht über diese Geschichten, dass der SBU angeblich die Karten der Minenfelder und die Anordnung der Minen gehabt habe.

Jene Leute die Zugang zu solchen Dokumenten haben, wissen sehr genau: Dem SBU wird es nicht erlaubt sein, sich diesen Dingen auch nur einen Kilometer zu nähern. Und es gibt keine Möglichkeit, dass Leute, selbst hoch dekorierte Generäle des Geheimdienstes, diese Dokumente haben können. Ausserdem können diese Geheimdienst-Leute sicherlich nicht den Befehl zur Entminung bestimmter Objekte geben. Indem der Verdacht auf den Geheimdienst gelenkt wird, wird von den wirklich Schuldigen abgelenkt. Und vom puren Verrat.

Und wer ist dieser Verräter, von dem die Öffentlichkeit noch nichts gehört hat? Das zu wissen, ist sehr interessant, aber wir haben keine Informationen. Es gibt keine Kommentare von der Führungsspitze dazu. Dementsprechend gibt es ein gewisses Misstrauen gegenüber der Führung.

Es ist schlimm, einen so grossen Brocken, soviel Terrain umsonst zu verlieren, einfach umsonst. Im Jahr 2014, war ich von März bis Mitte Mai für die Anti-Subversions-Aktivitäten in der Region Kherson verantwortlich. Ich wusste über alle Brücken und sogar über einzelne Brückenpfeiler Bescheid. Das gab uns ein gutes Gefühl.

Und die Leute, die mit mir zusammen waren, haben geforscht; auch die Militäringenieure waren beteiligt. Ich hatte absolutes Vertrauen. Entschuldigen Sie, es war ein Schock, als wir ein riesiges Stück Territorium in Schutt und Asche gelegt haben, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist oder ein einziger russischer Panzer verbrannt wurde. Das ist ein Verrat.

INTERVIEWER: Massiver Schock. Aber Minenräumung ist eine Sache. Brücken, Übergänge und Dämme auf dem Weg aus der Krim unpassierbar zu machen ist eine andere Sache.

Aber das ist nicht alles. Von der Grenze bis Mariupol sind es fast 300 Kilometer. Da muss man durch die Steppe fahren. Auch dort muss es, so wie ich es verstanden habe, einige Verteidigungslinien, einige Truppen, einige Feuerkraft gegeben haben, und nichts ist passiert. Haben alle den Befehl erhalten, nicht zu schiessen? Was ist passiert?

GENERAL KRYVONOS: Nun, das ist eine Frage, die wir auch stellen wollen… Sie betrifft uns alle in ganz erheblichem Masse. Ich denke, die Untersuchung nach unserem Sieg wird zeigen, wer die Schuld an diesem Misserfolg trägt.

INTERVIEWER: Jetzt möchte ich zum 24. und 25. Februar zurückgehen, als der Feind am Morgen des 25. Februar auch in Irpin und Vorzel, war. Das sind also schon die Vororte von Kiew, praktisch die Datscha-Vororte von Kiew. Auch in diesem Fall würden Sie wahrscheinlich sagen, dass der Feind bei ordnungsgemässer Organisation der Kampfhandlungen der ukrainischen Armee nicht 100 Kilometer durch die Waldwege hätte gehen dürfen.

GENERAL KRYVONOS: Vollkommen richtig.

Und dass der Angriff von der weissrussischen Seite kommen wird, wusste man hundertprozentig. Ein Jahr vor Beginn des Krieges habe ich die Führung des Landes gewarnt, und dafür wurde ich fast gefeuert. Sie wollten nicht hören, was sie nicht hören wollten.

Zweitens habe ich sogar im Dezember 2021 gefragt, gefordert und vorgeschlagen, Manöver auf gefährlichen Panzerrouten entlang der russisch-ukrainischen Grenze und an der ukrainisch-belarussischen Grenze abzuhalten, denn die Anwesenheit russischer Truppen in Belarus und ihre Ansammlung war allen bekannt.

Aber es gab keine Reaktion. War es also Fahrlässigkeit oder Nachlässigkeit? Ich weiss nicht, wie ich es nennen soll. Ich habe keinen hundertprozentigen Zugang zu diesen Informationen, und ich habe die Verantwortlichen nicht befragt.

Es ist schwierig, solche Schlüsse zu ziehen. Sagen wir also: Ja, es kann Fahrlässigkeit vorliegen. Aber wahrscheinlich ist es grosser Teil des Verrats, nicht zu unternehmen, um das Problem zu lösen.

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