Ukraine Storys: Ein Bauer im Krieg

«Hier sind die Bäume grün. Dort wo ich herkomme, ist alles Grau, Panzergrau. Seit ich hier bin, frage ich mich so viele Dinge. Ich drückte den Knopf auf der Toilette und lachte wie ein Kind! Zweieinhalb Monate lebte ich ohne Strom, Wasser und Gas. Es war zum Durchdrehen.»

Wir trinken Kaffee mit Oleksandr, im Zentrum der Stadt Ukrainka, nicht weit von Kiew entfernt. Über uns brennt eine Lampe. Der Mann wundert sich über das Licht, denn bis gestern war er an einem Ort, an dem es fast drei Monate lang keinen Strom gab.

VON 1’000 MENSCHEN SIND 100 ÜBRIG

Oleksandr ist 54 Jahre alt und Landwirt. Er blieb unglaublich lange in seinem Heimatdorf in der Region Donezk. Vier Monate lang hielt er ein Leben unter russischen Beschuss aus. Er wollte den Hof und seine Kühe nicht verlassen. Sein Dorf liegt zwischen Siwersk und Lysychansk im Donbass, und wurde ständig beschossen. Vor dem Krieg lebten dort mehr als tausend Menschen, jetzt sind weniger als hundert übrig.

Oleksandr schickte seine Familie – seine Frau und seine Kinder – bereits im Februar in den Westen des Landes. «Ich blieb allein – die Kühe mussten gemolken werden.» Und er wollte den Hof, in den er sein ganzes Leben investiert hatte, nicht verlassen.

VERSCHENKTE MILCH

Er sparte, wo er konnte und verkaufte, was er nicht unbedingt brauchte. Er brachte von ihm produzierten Hartkäse ins benachbarte Bakhmut. Und von dort nahm er Brot und andere Esswaren ins Dorf mit. Schon damals gab es Probleme mit der Lebensmittelversorgung, doch die Leute blieben trotzdem. Oleksandr brachte auch Milch von seiner eigenen Bauernhof ins Dorf: «Die Leute haben Gläser mitgebracht, und ich habe die Milch verschenkt».

ARBEIT UNTER ARTILLERIEFEUER

Für die Arbeit auf seinem Hof fand er lange niemanden, weil viele Bauern bereits in sichere Orte ausgewandert waren. «Ich hatte Felder, Autos und Vieh, aber ich hatte nicht so viele Hände wie nötig».

Doch schliesslich kam die Rettung mit der Sennerin Halyna, ihren beiden Töchter und einem Traktorfahrer. Sie arbeiteten zu fünft. Sie assen gemeinsam. Und sie versteckten sich wochenlang vor den «Grads», den russischen Raketen.

Jeden Morgen wurden sie um vier Uhr vom «Russischen Wecker» wachgerüttelt. Dann begannen die Russen mit dem Angriff. Gegen fünf Uhr versammelten sich alle in der Küche. Als nächstes fütterten und melkten die Frauen die Kühe. Eines Morgens zählten sie elf Raketenangriffe.

FLIEGERBOMBEN AUF BAUERNHOF

«Ich hatte Angst: Wenn die Melkanlage läuft, hört man den Anflug und den Einschlag nicht», erzählt der Mann. «Du musst genau hinhören und Dich rechtzeitig fallen lassen, damit dich nicht ein Splitter tötet. Wenn ich ein Pfeifen hörte, stürzte ich mich hin. Fünf Sekunden nach dem Einschlag gibt es ein Knallen, manchmal nur ein Knallen und sofort eine Explosion, alles hängt vom atmosphärischen Druck ab.

Fliegerbomben werden meistens auf Räume abgeworfen, in denen ukrainische Ausrüstung versteckt sein könnte. Dort wo es ein Dach gibt, schiessen die Russen hin. Der Hof fällt zuerst auf.»

Oleksandr zeigt ein Foto von einem Dutzend Raketenteile, die er auf der Farm gesammelt hat. Er lehnte die Überreste gegen die Wand eines seiner Schuppen, eines jener Schuppen, der übrig blieb.

EXPLOSIVE TRICHTERLANDSCHAFT

Die Raketen und Bomben machen überall Krater. Die grösste Grube ist 6-7 Meter tief und befindet sich in der Mitte des Dorfes. «Manchmal herrschte drei Tage lang Stille. In diesen drei Tagen konnte man durchdrehen. Wenn es ruhig war, war es sehr stressig. Wenn es zwei Tage Stille gab, dann war es am dritten die Hölle!»

Im Laufe der Wochen verwandelte sich das Dorf unter ständigem Beschuss in überall sichtbare Trichter. Es gab nur noch verstümmelte Häuser und Felder, die mit Raketensplittern und Granaten übersät waren. Es wurde unmöglich, sich überhaupt zu bewegen.

ARBEIT FÜR DEN WIDERSTAND

Obwohl Alexander seine drei Autos dem Militär übergab, entschied er, dass dies nicht genug war: Durch das Dorf zu fahren und keinen platten Reifen zu haben, galt als Glück. Also richtete er in der Nähe seines Hofes eine kostenlose Mini-Reifenmontage ein.

«Räder sind Verbrauchsmaterial, sie werden zerstückelt, durchschossen. Also kaufte ich eine Maschine zum Montieren von Rädern, damit die Jungs nicht mehr die fünfzig Kilometer nach Bakhmut fahren mussten», erklärt Oleksandr.

ZERFETZTE TIERE

Als es unmöglich wurde, im Dorf zu leben traf er eine Entscheidung, die ihm auch heute Tränen in die Augen treibt:«Ich bin in den Stall gegangen, die Kühe guckten erbärmlich, sie wollten trinken, aber es gab kein Wasser mehr und ich konnte ihnen nichts geben.

Ich hatte 38 Milchkühe, etwa 70 Kälber, 20 Ochsen, 60 Ziegen, 10 Schweine, ein paar Esel mit einem Fohlen. Ich liess das gesamte Vieh frei, unter russischen Fliegerbomben, über verminte Felder wo die «Hrads» liegen, hochexplosive Splittergeschosse. Einige der Tiere wurde zerfetzt. Die neugeborenen Kälber tun mir leid», sagt Oleksandr traurig.

Er ließ auch sechs Schäferhunde frei, die die Farm bewachten.

«WIE KANN MAN EIN LEBEN AUF EINEN ANHÄNGER PACKEN?»

Dann brachte er die Magd und ihre Töchter an einen sicheren Ort und half auch mehreren anderen Familien, das Dorf zu verlassen. Erst später ging er allein. Er hinterliess alle landwirtschaftlichen Geräte, Maschinen, eine Werkstatt und ein Haus.

«Ich habe das alles jahrelang genutzt und ich musste innerhalb von zwei Tagen weg. Wie kann man ein halbes Jahrhundert Leben auf einen Anhänger laden? Käserei, Pasteur, Milchkühler – wenn man alles zusammenzählt, sind es immer noch sehr viele Geräte.»

IKONEN FÜR EIN WUNDER

Am Schlüsselbund in seinem Haus hängt ein Kreuz, das sein Sohn einst aus dem Kloster mitgebracht hatte. Darauf steht: «In diesem Haus wohnt die Familie Chaplyk.» Oleksandr glaubt, dass dieser Zauber zusammen mit den drei Ikonen, die er im Hangar zurückgelassen hat, sein Zuhause retten wird. Und dass er auf jeden Fall wiederkommen wird. Irgendwann auf sein ukrainisches Land.

NICHT AUFGEBEN

«2014 habe ich drei Monate lang unter der Herrschaft der «Republik Donezk» gelebt. Ich will das nie mehr. Ich will in einem freiheitlich-demokratischen Staat leben! Deshalb habe ich das Dorf bis zuletzt nicht verlassen.

Ob es einen Ort geben wird, an den ich zurückkehren kann, ist unbekannt, aber ich werde meine Arbeit nicht aufgeben, ich werde weiter eine Farm aufbauen. Ich werde nicht mit gefalteten Händen bis ins hohe Alter leben! So gut ich kann, werde ich der Armee und dem Staat helfen.»

(Bericht erschienen auf der ukrainischen Medienseite https://hromadske.ua/…/yak-povantazhiti-na-prichip-piv…. Redaktionell von mir bearbeitet)
Fotos: Der Bauer Oleksandr mit seinen Helferinnen und dem Helfer. // Überreste russischer Raketen // Zerstörte Gebäude des Hofes.

1Alex Konviser

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