Ukraine Storys: Flucht aus Irpin

Auf der Flucht vor russischem Beschuss in Irpin. Die Geschichte von Liudmyla Kunytska, deren Mutter von den Russen getötet wurde. Von Nick Tymchenko.

Vom 24. Februar bis zum 6. März versteckten wir uns in der Tiefgarage unserer Wohnanlage in Irpin. Wir konnten nicht wegfahren, denn wir waren acht Personen und hatten nur ein kleines. Am 6. März, als unser Komplex bereits durch Beschuss stark beschädigt war, versammelten wir uns mit den Nachbarn.

Wir hatten insgesamt 12 Autos. Meine Verwandten sassen in verschiedenen Fahrzeugen. Wir fuhren durch Stoyanka, als die russischen Besatzer am Kontrollpunkt zu schiessen begannen. Wir wussten nicht, dass sie dort waren.

Sie warfen eine Granate auf das erste Auto vor uns. Zwei Menschen starben darin. Dann schossen sie mit einer Panzerfaust auf den zweiten Wagen.

In meinem Auto sass ich auf dem Beifahrersitz, meine Mutter hinter mir. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass meine Mutter am Hals blutete. Ich gab ihr einen Schal, um die Wunde zu bedecken, aber nichts half.

Sie verblutete vor meinen Augen. Es war alles in Sekundenschnelle geschehen. Die russischen Besatzer erlaubten mir nicht, auszusteigen und mich ihr zu nähern. Sie erlaubten uns nicht, die Leiche mitzunehmen.

Viel später erfuhren wir, dass die Mutter meines Mannes in einem anderen Auto gestorben war. Sie sass auf dem Beifahrersitz. Die Kugel traf sie mitten ins Herz. Sie wurde aus dem Auto getragen. Auch ihr durften uns ihr nicht nähern. Wir durften nicht sehen, was mit ihr los war.

Sie liessen uns gehen, weil wir Kinder dabeihatten. Diejenigen, die sehr schwer verletzt waren, blieben beim Kontrollpunkt. Später wurden uns einige der Verwundeten übergeben, und jetzt behandeln wir sie.

Dreissig Tage lang wussten wir nicht, ob die Mutter meines Mannes noch am Leben war. Ich habe meine Mutter gesehen, sie ist vor meinen Augen gestorben. Aber wir wussten nichts über die Mutter meines Mannes. Wir baten die Freiwilligen, die Orte zu durchsuchen, an denen sich die russischen Besatzer aufgehalten hatten.

Nach einen Monat sah ich im Internet ein Video mit den Leichen meiner Mutter und meiner Schwiegermutter. Ich schrieb an den Journalisten, der das Video veröffentlicht hatte. Eine Woche später erhielten wir einen Anruf von der Polizei.

Wir holten ihre Leichen aus dem Leichenschauhaus. Beide wurden in der Heimat meiner Mutter in der Region Zhytomyr beigesetzt. Obwohl die Mutter meines Mannes aus der Oblast Kharkiv stammt. Aber wir konnten sie dort nicht begraben, weil jetzt auch diese Stadt beschossen wird.


Original von Nick Tymchenko (auf Ukrainisch): https://twitter.com/ukraine_world/status/1524479056028352512

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